Filmkritik: Twin Peaks – Die Erklärung – Staffel 3

Filmkritik Auflösung Twin Peaks Staffel 3

Möglichst erst nach Schauen der drei Staffeln lesen. Spoileralarm!

In dieser Filmkritik versuche ich, die geheimnisvolle Serie inhaltlich zu entschlüsseln und Lösungsansätze zum besseren Verständnis zu liefern. Die dritte Staffel ist voller neuer rätselhafter, verwirrender und psychedelischer Elemente, die vielleicht nicht jeder versteht. Aus dem Grund wird auch der gesamte Plot in den folgenden Zeilen nicht nur eine Kritik, sondern auch eine Erklärung und Verdeutlichung der Geschehnisse sein…

Vor 26 Jahren war FBI-Agent Cooper in zwei Staffeln auf der Jagd nach dem Mörder von Laura Palmer. Mit der Zeit musste er vor sich selbst zugeben, dass es dabei nicht mit rechten Dingen vor sich ging. So verwandelte sich der unaufgeklärte Fall zu einer turbulenten Odyssee nach einem Dämon, der in der Lage war, von Körper zu Körper zu springen und unerkannt Morde auszuführen. Offenbar hatte der erste Atombombentest in den 40er Jahren einen Riss in die Negativwelt unserer Erde gerissen und einige Dämonen bzw. nicht wohlgesonnene Wesen befreit. Angeführt wird diese Schar von Bob, der herzlos und brutal mit seinen Mitmenschen umspringt. Cooper kann zum Ende der zweiten Staffel Bob enttarnen, aber wie fängt man ein Geistwesen, an dem man keine Handschellen befestigen kann?

Als der wohl legendärste Cliffhanger der gesamten Seriengeschichte, wurde Cooper daraufhin selbst von diesem Dämon besessen und die Staffel endete genau an diesem Punkt. Nun ist nach einem viertel Jahrhundert die dritte Staffel erschienen und bemüht sich, die vielen rätselhaften Ereignisse systematisch aufzuklären und die Geschehnisse wieder gerade zu biegen, in der Hoffnung, ein Happy End und eine Aufklärung zu bieten.

In der dritten Staffel wird dargestellt, wie der herzensgute Agent versucht, einen Weg aus einer mystischen und verwirrenden Dimension zurück in seine Alltagswelt zu finden, denn Bob hat seinen Körper entführt und baut schrittweise eine ganz andere Realität um sich auf, als sie Cooper besaß. In achtzehn Folgen kann man nun Coopers Versuche mitverfolgen und wird in einen Irrgarten mystischer Szenen geworfen, die nur sehr schwer zu verstehen sind, wenn man die ersten Staffeln nicht geschaut hat.

Von Cooper existieren jedenfalls zwei Fake-Versionen seiner selbst, solange er in der anderen Welt gefangen ist. Eine der Versionen übernahm der Dämon Bob, während die andere ein geistesbehinderter Familienvater namens Douggy repräsentiert. Als Cooper es schafft, der anderen Welt zu entkommen, wird er ausgetrickst, landet in Douggy und kann sich über ihn nur auf beschränkte Weise ausdrücken.

Mit Rückblicken, parallelen Handlungssträngen und mancherlei Zeitreise gelingt es Cooper endlich, in die Welt des Alltags zurückzukehren, muss jedoch dabei erkennen, dass auch sein gewohntes Selbst nur eine Projektion eines Träumers ist, der aktuell sein Leben träumt. Dummerweise hatte er dies jedoch völlig vergessen und stets geglaubt, er sei das tatsächliche Selbst. Daher möchte Cooper unbedingt wieder zu seinem wahren Selbst zurückkehren und verabschiedet sich von all seinen Freunden in Twin Peaks, um sich schleunigst auf den Weg zu machen.

Jedoch muss Cooper ebenso erkennen, dass auch seine Sekretärin Diane von einem Dämon besessen war und nur ein Double von ihr auf Erden wandelte, um ausreichend Verwirrung zu stiften, damit der Fall weiterhin verschleiert bleibt. So entschließt sich Cooper, Diane mit auf die Ebene des Träumers zu nehmen, damit sie dort wieder zu der wird, die sie wirklich ist. Zudem musste er dem Vater von Laura Palmer versprechen, diese zurück nach Twin Peaks zu bringen. Diese Bitte legt nahe, dass die getötete Laura vermutlich auch nur eine Fake-Version gewesen war. Überhaupt bleibt unklar, wie viele Fake-Versionen seit dem Atombombentest auf Erden wandeln.

Auf der Träumerseite angekommen, müssen Diane und Cooper begreifen, dass sie dort als ein Pärchen mit den Namen Linda und Richard leben und keine nennenswerte Beziehung zueinander besitzen. Ihre Wege trennen sich zügig, denn Cooper konnte seine Erinnerungen durch den bewussten Wechsel in die Traumwelt aufrechterhalten und begibt sich daraufhin allein auf der Suche nach Laura.

Als er sie endlich findet, stellt sich heraus, dass Laura ebenfalls ihre Erinnerungen verloren hatte, bringt sie aber dennoch zurück nach Twin Peaks. An ihrem Geburtshaus angekommen, scheinen die Besitzer nicht diejenigen zu sein, die Cooper erwartet hatte. Offensichtlich wurde er erneut ausgetrickst, denn er befand sich nun in der Zukunft. Damit endet auch die dritte Staffel, als Cooper die verhängnisvolle Frage stellt, welches Jahr denn gerade sei.

In jedem Fall beweist David Lynch, Regisseur der Serie, erneut eine äußerst gelungene Filmarbeit, auch wenn seine surreal-künstlerische Arbeit streckenweise ermüdend wirkt. Denn gelegentlich sind die Szenen ziemlich langatmig, dass sie fast Misstrauen und Irritation bewirken, aber dann doch wieder mit psychedelischen Bildern auffährt, die den Zuschauer entschädigen. Die Mühlen des Gesetzes und auch die Filmrolle Lynchs mahlen langsam, stellt aber eine filmische Taktik dar, um Phasen der Dissoziation zu bewirken und den Verstand mit seinen Vorurteilen sowie allzu schnellen Schlussfolgerungen zurückzudrängen. Überhaupt wendet Lynch psychologische und gar spirituelle Tricks an, um mit seinen symbolisch dargestellten Szenen, den Zuschauer zum Hinterfragen seiner eigenen Person zu bewegen. Menschen mit psychischer Instabilität ist von dieser Serie vermutlich abzuraten, so könnten gelegentlich schon die von ihm inszenierten Impulse Veränderungen im eigenen Bewusstsein bewirken oder zumindest eine gehörige Gänsehaut vermitteln.

Die Entwicklung der Serie legt nahe, dass das “Böse” aus der anderen Welt die USA teilweise, mithilfe der Atombombenversuche und in Form von projizierten Doppelgängern, übernommen hat. Somit präsentiert sich die dritte Staffel als verkappte sozial- und politisch-kritische Botschaft an die Menschen dar, die ihr Traumselbst nicht so leichtfertig vergessen haben. Durch Lynchs Erfahrungen mit der Transzendentalen Meditation und den Werken Castanedas sind hier viele Querverbindungen zu erkennen, die nur Insider begreifen dürften. Beispielsweise glaubte Castaneda an die Existenz eines Dämons, der den Verstand des Menschen widerspiegele und benannte ihn Bob. Die Transzendentale Meditation hingegen besitzt auffällige Bezüge zur kognitiven Dissoziation.

Sollte man also jemals nach Twin Peaks kommen, ist es vorteilhaft, um sein Leben zu rennen, sobald man nach Feuer gefragt wird.

Sollte jemand Fragen zu der Serie haben, kann er sie gern in den Kommentaren einbringen.

Fazit: 9 von 10 Punkten. Unbedingt sehenswert!

Links zu den DVDs in korrekter Reihenfolge:
Twin Peaks Staffel 1

Twin Peaks Staffel 2
Twin Peaks – Der Film
Twin Peaks – Das ganze Geheimnis (Alle Staffeln als Blueray)
Twin Peaks Staffel 3 (noch nicht erhältlich)

Regisseur: David Lynch, Mark Frost
Mit: Kayle MacLachlan, Sheryl Lee, Naomi Watts, David Lynch
Land: USA, 18×45 min
Genre: Mystery/Drama
FSK: ab 16 Jahren
Ähnliche Serien: Twin Peaks Staffel 1-2 (30 Folgen)

Trailer: Youtube

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2 Antworten für “Filmkritik: Twin Peaks – Die Erklärung – Staffel 3”

  1. SmionSmion sagt:

    Hallo Jonathan

    Habe noch nichts von Bob gelesen bei Castanedas Werken, kannst du mir sagen in welchen Buch etwas drüber steht? Oder hat er über es in seinen Vorträgen gesprochen?
    Danke dir…

  2. ???????? sagt:

    10/10
    !!!

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