Traumnacht: Die Prüfung des Mentors

Traumnacht” ist eine Reihe, in der ich mich bewusst darauf konzentriere, einen luziden Traum oder eine außerkörperliche Erfahrung zu erleben bzw. in der ich von einem interessanten oder außergewöhnlichen Traum berichte.

“Wie, Kreiswehrersatzamt und Bundeswehr?”, fragte ich.

“Na ja, es war so: Ich habe Post vom Kreiswehrersatzamt bekommen und darin stand, dass Du und ich einberufen werden und wir 2 Wochen Zeit hätten, einen Widerruf zu stellen. Das habe ich getan. Das Dumme ist nur, dass auch Dein Brief bei mir gelandet ist und dass ich den dann vergessen hatte, ihn Dir zu geben!”, erklärte mein Bruder.

“Was??? Dann kann ich ja gar keinen Widerspruch mehr einlegen, wenn der Brief jetzt schon zwei Monate oder was weiß ich wie lange bei dir herumliegt!”

Er nickte schuldbewusst: “Es tut mir leid. Ich hab’s halt vergessen!”

“Zeig mal her! Das ist doch wohl nicht wahr!”

Ich öffnete den Brief und schaute hinein. Dort stand es ganz groß:

“Einberufung nach Leer zum 1. März. Bitte erscheinen Sie pünktlich. Versäumen Sie es, an diesem Termin zu erscheinen, machen Sie sich strafbar und schwere, disziplinäre Strafen können folgen. Halten Sie sich also nicht böswillig von diesem Termin fern. Widerspruch innerhalb von 2 Wochen nach Erhalt dieses Schreibens”

Ich schaute mir das Schreiben genau an. Anbei befand sich eine Art Ausweis mit der genauen Adresse darauf und meinem Namen. Dann blickte ich in das Gesicht meines Bruders. Irgendwie fand ich das alles komisch! Er hatte genügend Zeit, seinen Widerspruch zu verfassen, aber hat meine Einberufung vergessen… und überhaupt… Bruder???

Langsam verstand ich, was hier ablief.

“Ach herrje! Ich träume!”, sagte ich leise vor mich hin.

“Was hast du gesagt?”, fragte mein ‘Bruder’ nach.

Ich störte mich überhaupt nicht an mehr an ihn und mit einem breiten Grinsen im Gesicht erhob ich mich. Dann konzentrierte ich mich und beamte mich aus dem Haus und landete auf einer Straße in einem Wohnviertel. Kaum hatte ich den Teleport ausgeführt, verlor ich kurz wieder meine gewonnene Luzidität. Vielleicht war ich doch zu stürmisch gewesen, mich einfach so zu beamen.

Kurz darauf saß ich in einem Bus. Wir fuhren durch nächtliche Straßen. Ich saß am Fenster und schaute hinaus in die Lichter der Stadt. Es war kaum noch ein Mensch auf den Straßen. Plötzlich wurde der Bus durch einen Schlag oder etwas in der Art erschüttert. Es schien, als wäre etwas auf das Busdach gesprungen.

“Der Wolf! Der Wolf!”, schrie jemand anderes und die Panik war perfekt.

“Was? Wolf?”, fragte ich blöd.

Niemand hielt es für wichtig, mir zu antworten. Aus dem Stimmengewirr konnte ich jedoch entnehmen, dass wir gerade durch eine Gegend gefahren waren, in der ein Werwolf sein Unwesen trieb.

Was macht man, wenn ein Werwolf auf dem Dach des Busses sitzt, in dem man sich gerade befindet? Sicherlich würde er gleich eine der Seitenscheiben zerschmettern und hier hineinkommen. Fieberhaft lief ich im Bus umher. Gegen einen Werwolf hatte ich doch keine Chance, dachte ich, und überlegte, was man denn tun könnte, um verschont zu bleiben. Ich dachte darüber nach, mich unter einer Sitzbank zu verstecken, aber die meisten Bänke waren sehr gut einsehbar. Er würde mich sofort entdecken. Dann fand ich eine Bank, bei der ich hoffte, dass er mich vielleicht nicht sehen konnte und kroch darunter.

Kaum hatte ich das Versteck eingenommen, splitterte bereits das Glas und der Werwolf kam herein. Ich hörte das Geschrei der Menschen. Zwischendurch kam er bei mir vorbei und schnupperte, ob ich denn noch Leben würde und auf seinen Speiseplan gehören könnte. Ich stellte mich tot. Er riss zur genaueren Prüfung mit seiner Tatze meinen Arm auf, der aus dem Versteck herauslugte, um nachzuschauen, ob ich wirklich schon tot war oder nicht. Dann fauchte er ohrenbetäubend in meine Ohren, dass sie zu Piepen begannen. Ich dachte nur, besser taub als tot. Mein Überlebenswille hielt, auch wenn ich zeitweise am liebsten aus dem Versteck gekrochen wäre, um den Werwolf kräftig zu verdreschen, aber ich wäre ihm bestimmt unterlegen gewesen, bei der Kraft, die er besaß. Nicht nur war er mit einem Sprung auf das Busdach gesprungen, sondern hatte wahrscheinlich all die Businsassen fein säuberlich zerlegt.

Dann lief der Werwolf wieder ein Stück weiter. Ich öffnete schnell die Augen und orientierte mich. Meine Ohren piepten noch immer unerträglich. Dies hielt mich aber nicht davon ab, nachzuschauen, ob der Weg zum Verlassen des Busses frei war. Tatsächlich! Er war frei. Ich kroch aus meinem Versteck und rannte aus dem Bus.

Draußen lief ich geradewegs in eine Gasse und dann in eine Art Lagerhalle, zu der eine Metalltür führte, die wie zur Einladung geöffnet war. Bestimmt konnte man sich darin gut verstecken, dachte ich. Ich hatte aber keine Ahnung, wo ich mich gerade befand. Ich lief in die Lagerhalle hinein. Überall standen große Regale und Paletten mit vielen Kisten herum, aufgetürmt bis zu zehn Meter hoch. Das Dach war schätzungsweise an die 20 Meter hoch und nur einige Neonröhren flackerten unter der Decke. Plötzlich vernahm ich, wie eine Tür zuschlug! Das Donnern der Metalltür hallte noch in der Halle nach.

Aus mehreren Richtungen kamen nun Menschen auf mich zu. In ihren funkelnden Augen erkannte ich eine unruhige, mordlüsternde Energie. Sie waren allesamt Werwölfe! Daran gab es für mich keinen Zweifel!

Hätte ich vielleicht in dem Bus bleiben sollen? Eventuell wäre der Werwolf irgendwann verschwunden und ich hätte warten können, bis jemand den leeren Bus entdeckt und die Polizei gerufen hätte. Wieso auch fährt ein Bus durch ein Stadtviertel, das bekannt dafür ist, dass dort Werwölfe leben und zu jeder Nacht ihre Opfer reißen?

“Das war wohl nichts!”, rief mir einer der Personen zu und sie kamen immer näher.

Ich sah, wie sich seine Gesichtszüge veränderten. Die Wangenknochen traten mehr hervor, die Augen wurden größer, die Augenbrauen schwollen bedrohlich an und aus seinem Mund wuchsen scharfe Fangzähne.

Hier endete wohl mein schönes Leben. Umzingelt von reißwütigen Werwölfen mit einem gehörigen Blutfetisch rechnete ich mir die Chancen gleich gegen 0,00 aus. Aus dieser Situation gab es einfach kein Entrinnen. Innerlich bereitete ich mich darauf vor, gleich von einem Rudel Wölfe zerfleischt zu werden. Während diese Horrorvorstellungen meinen Verstand eroberten, besaß ich das Gefühl, als hätte ich mich schon einmal in einer ähnlichen, verzweifelten Situation befunden. Innerlich spaltete ich mich in zwei Selbste. Während eins von diesen darüber nachdachte, wie ich gleich zerrissen werde, dachte das andere in aller Eile darüber nach, wieso mir diese Situation so bekannt vorkam… Dann kam die Erleuchtung! Ich befand mich in einem Traum! Das war die einzige Möglichkeit!

“Jetzt bist du dran!”, rief einer der Werwölfe und befand sich nur noch wenige Meter entfernt.

“Das glaube ich nicht”, entgegnete ich und stellte mich ihm frech grinsend entgegen.

Für einen Moment fühlte ich, wie eine Welle der Überraschung durch die mittlerweile zwanzig Werwölfe ging, die mich umzingelt hatten.

“Was redest du für einen Schwachsinn? Du hast keine Chance mehr! Es ist vorbei! Bereite dich auf deinen Tod vor!”, sagte der Sprecher von ihnen und fauchte mir bereits seinen stinkenden Atem entgegen.

Ich fühlte, wie er mich zu verunsichern versuchte, aber ich hatte nun erkannt, dass ich träumte.

“Habt ihr euch schon einmal mit einem Träumer angelegt?”, fragte ich frech. “Niemand weiß, was geschieht, wenn Träumer und Werwölfe aufeinandertreffen. Ich denke, das können wir jetzt einmal ausprobieren!”

Dann fokussierte ich mich auf die Umgebung und der bedrohliche, dunkle Traum verwandelte sich in eine leuchtend-klare Realität. Kurz darauf rannte der erste Werwolf auf mich zu, seine riesige Pranke zum tödlichen Schlag erhoben!

Mit einer drehenden Handbewegung stoppte ich den Werwolf in seinem Angriff und schleuderte ihn psychokinetisch quer durch die ganze Halle. Er krachte gegen einen Turm mit den Kisten. Holz splitterte und der Turm brach in sich zusammen und begruben den Wolf unter sich.

Dann riss ich meine Arme nach oben und befand mich im Bruchteil einer Sekunde unterhalb der Decke der Lagerhalle. Erstaunt blickten sie nach oben und konnten sich nicht erklären, wie ich dort hingekommen war. Sie machten gewaltige Sprünge in meine Richtung, sodass ich ihren Atem schon wieder riechen konnten. Sie fauchten und schlugen wild nach mir.

Im nächsten Moment schoss ich nach unten in die Menge und es entstand ein wutentbrannter Kampf. Ich fühlte mich für einen Moment wie Neo aus dem Film “Matrix”, der von lauter Agenten umzingelt und angegriffen wurde. Jeden einzelnen Werwolf konnte ich mit einigen Schlägen oder einfach mit meiner Gedankenkraft außer Gefecht setzen. Dann schoss ich wieder hoch zur Decke, um mir einen Überblick zu verschaffen. Wie viele von ihnen waren noch übrig?

Es lief hervorragend. Sie hatten sich mit einem Träumer angelegt und nun erhielten diese Unwesen ihre Quittung… doch dann begann meine Klarheit in diesem Traum zu schwinden. Ich verlor an Höhe und meine starken Gedankenkräfte ließen nach. Ich verwandelte mich langsam wieder zurück in den unscheinbaren Träume auf der Flucht vor seinen Dämonen, die ihn jede Nacht hetzten. Gewiss würden sie mich nun zerreißen und den Sieg davontragen.

Plötzlich tauchte am Ende der Halle eine gute Freundin auf! Sie rief mir zu und gab mir telepathisch zu verstehen, dass ich mich noch immer in einer Prüfung befand und ich mich auf meine Hände konzentrieren sollte, damit ich meine Klarheit (Luzidität) wiedergewann. Ich riss mir meine Hände vor das Gesicht. Sehr schnell konnte ich mit dieser Technik meine Klarheit wieder einigermaßen stabilisieren und erneut an Höhe. Ich schwebte wieder auf und meine rechte Hand schien völlig scharf zu sein, aber meine linke Hand wirkte verstümmelt und kaum einsetzbar.

“Mehr noch! Mehr!”, rief die Freundin in meinem Kopf und riss ihre Faust in die Luft, um mich anzufeuern.

Immer mehr gewann ich wieder meine Klarheit zurück und erledigte dann den Rest der Werwölfe. Als die Gefahr gebannt war, landete ich wieder auf dem Boden. Die Freundin trat mir entgegen und erklärte mir, was diese seltsamen Traumsequenzen zu bedeuten hatten:

“Es war eine Prüfung! Es ging darum festzustellen,wie du in bestimmten Situationen reagierst und wie du diese meisterst. Die Prüfung mit der Bundeswehr hast du sehr gut abgeschlossen. Du hast erkannt, dass du dich in einem Traum befandest. Dann hast du dich aus dem Traum hinausgebeamt. Dieser Moment wurde dazu genutzt, dich wieder in eine andere Prüfungssituation zu schicken.”

“In den Bus hinein, stimmt’s?”, fragte ich.

“Richtig. Diese Prüfung hast du nicht besonders gut abgeschlossen. Hättest du deine Augen nicht so fest geschlossen gehalten, dann hättest du nämlich gesehen, dass die anderen Businsassen in Wirklichkeit um den Wolf herumstanden und darüber grinsten, wie sehr du dich in deinen Interpretationen gefangen gehalten hast, weil du dachtest, es wäre klüger, sich tot zu stellen. Deine Flucht aus dem Bus war natürlich ebenso eine Falle, wie das Lagerhaus, das dir augenscheinlich ein sicheres Versteck anbot.”

Längst wusste ich, dass dies nicht direkt eine Freundin von mir war, sondern dass es sich um das Traumselbst der Freundin handelte. Es war ihr wissendes Selbst, das sich in den Träumen so gut auskannte wie ich mich in meiner Alltagsrealität.

“In der Lagerhalle hast du dich sehr tapfer geschlagen. Du hast ein gewissen Maß an Luzidität gewonnen, auch wenn es nicht ausreichte, um sämtliche Wölfe mit einem Schlag zu bannen. Doch alles in allem war es gut.”

“Was hatte dies alles denn für einen Sinn? Ging es nur darum, mich zu trainieren?”

“Richtig. Das Trainingsprogramm hat zum Ziel, dass du deine Kritikfähigkeit im Träumen verbesserst. Im Alltag besitzt du genügend Kritikfähigkeit, aber diese fehlt den Menschen in ihren Träumen. Einer der Schlüssel, um sich seiner Träume bewusster zu werden und Luzidität in jeder Nacht zu erreichen, ist die Ausbildung der Kritikfähigkkeit innerhalb der Träume.”

Nun erinnerte ich mich sehr deutlich daran, dass ich mich gerade noch gestern gefragt hatte, ob es nicht vielleicht einen Master-Key geben könnte, der die Luzidität in den Träumen fördert.

“Was wäre denn geschehen, wenn ich die Prüfungssequenz mit der Bundeswehr nicht gemeistert hätte?”

“Hm, dann würdest du vermutlich jetzt noch im Schützengraben liegen und gegen ein gewaltiges Heer böser Soldaten kämpfen und um dein Leben fürchten…”

Dann bedankte ich mich bei ihr. Ich hatte die Lektion verstanden und erwachte beschloss, zu erwachen.

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4 Kommentare zu “Traumnacht: Die Prüfung des Mentors

  1. Der Traum ist ja nur noch genial! Die Länge, die Details, einfach alles. Und so spannend und packend ist die Story zu lesen!

  2. das ist einer der verrücktesten träume die ich je gelesen hab! und so lang! du musst dich danach sehr energetisch gefühlt haben!

  3. Wow!!! Gratuliere zur erfolgreich bestandenen Prüfung und erteile eine 1 mit Stern!!! Den Lorbeerkranz gibt´s erst nach florierender Nutzung des Master-Keys ;-)

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