Filmkritik: Holy Motors

Monsieur Oscar erwacht am Morgen in seinem Bett, steht auf, durchdringt trocken seine Schlafzimmerwand und gelangt daraufhin direkt in einen Kinosaal. Von nun an fährt er in einer weißen Stretch-Limousine quer durch Paris und schlüpft immer wieder in die unterschiedlichsten Rollen. Einmal ist er eine betagte Bettlerin, die humpelnd über den Friedhof geht, dann ist er ein Killer, der nach einer neuen Identität sucht, ein sorgender Familienvater oder sogar mal ein Quasimodo, der ein Model während eines Shootings in die Tiefen der Pariser Kanalisation entführt…

Der Beginn erinnert vielmehr an ein Werk David Lynchs, verwandelt sich dann doch zu einem neuen verheißungsvollen Dramenmotto ganz anderer Art. Es zeigt sich, dass Monsieur Oscar (Denis Lavant) mit seiner Limousine von einem Termin zum nächsten fährt, um dort in eine immer wieder neue Rolle zu schlüpfen. Doch bei der Ausführung seiner Rolle erwartet man ein vorbereitetes Set mit anderen Schauspielern, aber überraschenderweise haben die anwesenden Personen keinerlei Ahnung und befinden sich eigentlich in ihrer vertrauten Realität – in welche Oscar unübersehbar hineinpoltert. Die Konfrontation seiner geplanten und vorbereiteten Rolle trifft dabei auf die Ahnungslosigkeit der Mitspieler und mischt die Realität geradezu auf, um sie zu einem kurzen Theaterstück zu transformieren. Es ist, als würde der Regisseur Leos Carax versuchen, die realistische Alltagswelt, durch den Einfluss des Protagonisten, zu einem Rollenspiel umwandeln, in welcher die Mitspieler jedoch verstört und oftmals auch körperlich verletzt zurückbleiben. Man neigt zuweilen auch zu vermuten, dass Monsieur Oscar sich einfach in seinem Traum aufhält, um diesen mit seinen Rollenspielen zu infiltrieren.

Selbst ein Schusswechsel, in dem Oscar tödlich verwundet wird oder eine Sterbeszene in einem Krankenhaus wird als ein Akt der gewohnten Realität dargestellt, doch trotzdem gelingt es ihm zum Trotze anwesender und realer Polizisten wieder von den Toten aufzuerstehen, nur um wieder zum nächsten Termin zu eilen.

Dieser Film ist in jedem Fall außergewöhnlich und ein gelungenes, surreales Kunstwerk des Regisseurs Carax, dem es stets wichtig ist, sich all dem Trubel und der Aufmerksamkeit des Internets und der Smartphones zu entziehen. In seinem französisch-stilistischen Kunstwerk, das sich geschickt einer rationalen Interpretation zu entziehen versucht, verwirrt er den Zuschauer mit seinen unlogischen Feinheiten, die höchstens unter Heranziehung alternativer Realitätsverläufe erklärbar werden würden.

Die ständigen Rollenwechsel vermischen Traum und Realität mit imposantem  maskenbildnerischen Talent und lässt den fragenden Zuschauer ohne Erklärungen und Rechtfertigungen verlassen zurück.

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Fazit: Ein verstörender Film, der zum Nachdenken und Philosophieren anregt.

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Regie: Leos Carax
Mit:  Denis Lavant, Eva Mendes
Buch: Leos Carax
Genre: Drama, 116 min.
Land: Frankreich 2012

Trailer

 

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