Die andere Seite: Die Karte

Ich stand mit Esther mitten in der Fußgängerzone einer Großstadt. Die Menschenmenge rauschte an uns vorbei. Für uns war es jedoch so, als wäre die Zeit stehen geblieben. Sie schaute mich mit fragendem Blick an, denn sie fühlte, dass etwas anders war als sonst…

“Ich bin mein Ich aus der Zukunft. Mein Auftrag ist es, zu einem Treffpunkt in der Stadt zu gehen. Du hast vermutlich zehn Minuten Zeit, um mir Fragen zu stellen!”, sagte ich zu ihr.

Es stimmte, in diesem Moment hatte mein zukünftiges Ich meinen Körper übernommen. Ich erkannte nicht den Sinn, wieso es das getan hatte, aber es schien von äußerster Wichtigkeit zu sein. Wenn ich das richtig überblickte, kannten Esther und ich uns nicht seit 12 Jahren, sondern vielleicht gerade einmal seit einigen Monaten, maximal ein Jahr.

Sie schaute mich noch immer irritiert an. Vermutlich musste sie das erst einmal verarbeiten. Dann drehte ich mich um und ging. Ich musste pünktlich sein.Nach einigen Minuten fragte ich mich, wo Esther nun blieb. War sie nicht daran interessiert, diese Chance zu nutzen, um mehr über ihre Zukunft zu erfahren? Es schien jedoch so, als hätte sie sich dagegen entschieden. Vielleicht ist es besser, wenn man nicht alles weiß.

Nach zehn Minuten befand ich mich vor dem Kaufhaus Karstadt. Hier wurde gerade ein neues Gebäude angebaut. Die Baustelle war jedoch unbesetzt. Ich ging ein wenig um das Gebäude herum und ging hinein. Dann fuhr ich mit der Rolltreppe intuitiv in das Untergeschoss. Dort gab es ein kleines Café, wo es Brötchen, Kuchen und Kaffee gab. Hier schienen des Öfteren Obdachlose herumzuhängen. Dort traf ich auf Vivian, die genussvoll an einem Kaffee schlürfte. Sie erklärte mir aufgeregt, dass sie völlig begeistert davon wäre, hier zu arbeiten.

“Wirklich? Schau dich doch mal um. Also ich hätte keine Lust bei diesem Ambiente”, sagte ich.

“Doch, doch. Ich finde das gut hier. Vielleicht suchen die ja noch jemanden!”, rief sie begeistert.

Plötzlich kam einer der Landstreicher auf uns zu.

“Entschuldigung… wir sind hier verabredet.”

Ich schaute ihn an und fühlte nach innen, ob es sein könnte, dass die Verabredung mit diesem Mann stattfinden sollte. Er war mindestens 80 Jahre alt, hatte weißes Haar und einen umfangreichen Vollbart. Dazu trug er einen abgenutzten, dicken Pepper-and-Salt-Mantel und eine dunkle Hose.

“Kommen Sie mit mir! Ich muss ihnen etwas zeigen!”, fügte er hinzu noch bevor ich eine Antwort finden konnte.

“Das können Sie uns doch auch hier zeigen”, meinte Vivian.

“Nein, nein, das geht nicht. Wir müssen hier auf die Toilette.”

“Sind Sie sich da sicher? Wir können auch woanders hingehen. Nach draußen vielleicht?”, bot ich ihm an.

Plötzlich tauchte Esther auf. Sie stellte sich zu uns und lauschte interessiert mit.

“Worum geht es?”, fragte sie.

Ich flüsterte ihr grinsend zu: “Dieser Mann möchte uns unbedingt etwas zeigen. Doch legt er sehr viel Wert darauf, das in einer für ihn angemessenen, diskreten Umgebung zu tun…”

“Nein, es ist von äußerster Wichtigkeit und ich muss ganz sicher gehen, dass es niemand außer Ihnen sieht…”, sagte der alte Mann und lief auch schon los.

Der Mann war offensichtlich nicht umzustimmen, also folgten wir ihm schon allein aus Neugier auf die Kundentoilette.

Auf der Toilette befanden sich zum Glück keine weiteren Kunden. Es war irgendwie schon eine seltsame Situation…

“Kommen Sie, kommen Sie…”, meinte er und öffnete eine der WC-Kabinen.

“Sie möchten doch wohl nicht wirklich mit uns allen in eine dieser Kabinen??”, fragte ich erstaunt.

“Doch! Das ist sehr wichtig! Kommen Sie! Das müssen Sie gesehen haben!”, insistierte er weiterhin.

Wir lachten. Die Situation wurde immer kurioser.

Wenige Augenblicke später quetschten wir uns zu Viert in einer dieser WC-Kabinen. Zum Glück waren diese Kabinen hier recht umfangreich und es war nicht so unangenehm wie befürchtet.

Behutsam schloss er die Kabinentür ab.

“Ich weiß, das ist alles sehr seltsam jetzt, aber das ist wirklich wichtig. Ihr müsst das gesehen haben!”, entschuldigte er sich und ging gleich zum Du über.

“Dann zeig uns mal, was du hast!”, schlug Vivian schnippisch vor.

Nun kramte der Mann aus seiner Innentasche einen großen, gefalteten Papierbogen aus. Er faltete ihn ganz zärtlich auseinander als wäre er aus Porzellan. Danach holte er einige Heftzwecken aus seiner Tasche und heftete einen A2-großen Bogen an die Kabineninnenwand.

“Was soll das sein?”, fragte ich.

“Das ist eine Art Karte! Schaut mal hier…”

Tatsächlich hatte er gerade eine Landkarte an die Wand gepinnt. Ich erkannte einige Städte im Südwesten, aber auch andere Städte waren zu sehen.

“Und schaut mal dort… da kann man so komische Bemerkungen neben einigen Städten sehen und Kürzel…”, so wies er uns interessiert darauf hin.

Er hatte Recht. Neben vielen Städten war stets eine dicke Linie gezogen und auf dieser stand ein Kürzel. Diese Kürzel wirkten auf mich wie Namen, Spitznamen oder Bezeichnungen. Ich schaute dann weiter nach unten auf die Stadt, in der ich lebte. Dort waren mehrere Kürzel vorhanden und Esther und ich erkannten unsere Namen in den Kürzeln wieder.

“Das gibt es doch nicht! Da stehen ja unsere Namen in Form eines Kürzels drauf!”, meinte Esther.

“Somit sind das wirklich Kürzel oder vielleicht sogar Emailadressen…”, erklärte ich.

“Ich weiß es nicht…”, meinte der alte Mann, “es ist eine sehr wichtige Karte, denn sie zeigt die Aufenthaltsorte all der Leute an, die besondere Fähigkeiten besitzen.”

Ich überlegte, was uns der Mann mit dieser Karte sagen wollte. Er kannte uns nicht und es gab nie zuvor eine Begegnung zwischen uns. Zwar war ich in die Vergangenheit gereist, um diesen Ort zu besuchen und vermutlich auch deshalb, um mich an diese Begegnung mit dem Mann zu erinnern. Vielleicht sogar auch allein wegen dieser seltsamen Karte… Doch, wie kamen unsere Namen auf diese Karte?

Einige Sekunden später erwachte ich in meinem Bett. Es war wieder einmal ein Traum von der anderen Seite gewesen. Einer Realität, in der alles ganz anders ist als in unserer vertrauten Alltagsrealität. Diese andere Realität ist unvorhersehbar, geladen mit Action und seltsamen Geschichten und verrückten Fähigkeiten. Zeitreisen, Körperbesetzungen, übermenschliche Kräfte… all dies gehört in dieser fremden Welt zum Alltag.

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Matrixblogger

Author: Matrixblogger

Der Matrixblogger ist Autor, Bewusstseinsforscher, Berater und Blogger, hat bislang neun Bücher veröffentlicht und ist bekannt aus Fernsehen, Radio, Interviews, Vorträge, Literaturwettbewerben, Workshops und vielen anderen Aktivitäten. Seine Interessen gelten der Bewusstseinserweiterung, außerkörperliche Erfahrungen, luzides Träumen, die Dissoziation, die Matrix und die Aktivierung der Zirbeldrüse.

7 Kommentare zu “Die andere Seite: Die Karte

  1. Das hast du alles geträumt?? Das ist ja richtig ewig geil spannend!!! Wooaaahhh! Nicht schlecht Herr Specht! Gruss, Uli

  2. was ich erstaunlich finde ist dass du dauernd in diese eine welt reinhüpfst. für mich wär das zu anstrengend. aber wenn man das selber erlebt ist es bestimmt auch noch wieder was ganz anderes. gruss vom dieter

  3. Nur so ein Gedanke, lieber Jonathan:

    Du kenst doch diese Frauen auch im Wachleben, stimmst’s?
    Vielleicht solltest du durch die Karte noch andere Menschen und Orte, wo sie wohnen erkennen, mit denen du evtl. zusammen kommen sollst, für ein bestimmtes Projekt?
    Kam mir da so in den Sinn. Der alte Mann erscheint mir wie ein geistiger Führer. Die zeigen sich ja manchmal auch als alte abgerissene Leute.

    Ach, immer diese spannenden Geschichten!
    Lieben Gruß
    Momo

  4. Hallo Momo,
    einige aus den Träumen kenne ich auch aus dem Alltagsleben, das stimmt. Zu den meisten habe ich ein gutes Verhältnis. Für mich ist es erstaunlich zu sehen, dass hier Querverbindungen zwischen den beiden Realitäten, d.h. Alltagsleben und “andere Seite”, existieren und immer wieder unvorhergesehene Elemente auftauchen. So habe ich z.B. letztens von einer Freundin einen Traum zugeschickt bekommen, der haargenau in diese Traumreihe passt. Wenn da so weiter geht, dann entpuppt sich das noch als wachsender Kollektivtraum. ;-)
    Liebe Grüße, Jonathan

  5. Jonathan deine Träume sind Vorrausagen der Zukunft. Zukunftsvisionen die durch die Aktivierung der DNA mit ihren schlafenden Fähigkeiten nach 2012 auftreten wird. Es wird wie du schreibst. Das ist das Schicksal von einigen Menschen. Freya die Seherin

  6. Hallo Jonathan,
    Deine Traumserie, die immer exzellentere Formen annimmt, “beweist” doch mal wieder die Synchronizität und Kontemplation allen Seins. Eine wahrhaft heilende Emotion, wenn wir einen geliebten Menschen scheinbar verlieren!!!
    LG
    Nicole

  7. Hallo Nicole,
    ich war das ganze Wochenende unterwegs. Mit Träumen war daher nicht allzu viel. Muss erst einmal sehen, was ich heute oder morgen in mein Tagebuch schreibe. Vielleicht ja in der heutigen Nacht.
    Einen geliebten Menschen zu verlieren ist immer sehr schwer, das ist richtig. Doch wird es in den meisten Fällen ein Wiedersehen geben. :-)
    Liebe Grüße, Jonathan

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