Ein Haus im Osten: Tal der Ahnungslosen (Teil 6)

‘Ein Haus im Osten’ ist eine Rubrik, in der ich von meinem kürzlichen Umzug nach Ostdeutschland irgendwo in der Pampa, zwischen Leipzig und Zeitz jenseits der Zivilisation, vom Landleben, meinen Erlebnissen in der Umgebung sowie von seltsamen, magischen und spannenden Erfahrungen berichte.

Erst einmal ist es wichtig, das eigene Arbeitszimmer zu renovieren und möglichst schnell wieder herzustellen. Immerhin möchten weiterhin Termine organisiert, E-Mails und auf Kommentare im Blog geantwortet, Texte und Artikel geschrieben und MP3s und CDs versendet werden. Ganz zu schweigen von den ganzen sekundären Tätigkeiten im Internet, die auch nicht allzu lang warten möchten. Lange Rede, kurzer Sinn: Das Arbeitszimmer ist nun fertig! Ich kann nun wieder am Schreibtisch sitzen und meine Arbeit erledigen. Okay, das restliche Haus sieht noch nach großem Aufwand aus, ganz zu schweigen von der Küche, sie ist die nächste auf der To-Do-Liste. Eigentlich ist das gleiche Programm für alle Räume angesagt: Neuer Boden, neue Wandbekleidung, Fußleisten, Decke und was noch alles dazu gehört. Gegenwärtig ist der komplette Keller mit Möbeln vollgestellt, da ich diese ja bisher noch nicht aufbauen konnte. Nun ist zumindest das Arbeitszimmer fertig und ein Lichtschweif am Horizont ist zu sehen.

Mittlerweile habe ich auch die Nachbarn kennengelernt. Ein altes Rentnerehepaar, das sogleich mit einem Blumentopf ein Willkommen aussprach. Interessant erschienen mir die beiden nicht, zumal der Mann in seinen Hinweisen sehr dazu neigte, ausschließlich die Nachteile des Wohnens in dieser Umgebung aufzuzählen. Er wohnte bereits seit 70 Jahren in diesem Haus und wusste aber auch einiges aus der DDR-Zeit und über den heimlichen Empfang von West-Fernsehen zu berichten. Die Stadt Dresden beispielsweise wurde in der DDR allzu gern das Tal der Ahnungslosen genannt. Diese Bezeichnung besaß den Hintergrund, dass Dresden nun einmal mehr im Tal liegt und das West-Fernsehen nur sehr schwer empfangen konnte. Aus dem Grund konnten sie nur die Propaganda des Ost-Fernsehens sehen. Interessant zu sehen, dass ein ganzes Volk, das eigentlich ein Regime durchschaut hat und sogar Witze über jene macht, die ggf. noch der alten Propaganda glauben könnte, weiterhin diese Regierung toleriert. Doch für die Wessis sieht es ja nicht viel anders aus. Das System ist zwar einigermaßen demokratisch, aber dennoch toleriert das Volk die zunehmenden Einschränkungen, verfassungswidrigen Vorschriften und die Allmacht der Wirtschaft über die Politik. Doch dies ist ein anderes Thema und gehört hier nicht hin.

Der Sternenhimmel ist hier natürlich besonders erwähnenswert, denn man sieht auf dem Land oftmals viel mehr Sterne und kann sogar den Milchstraßenarm vage erkennen. Im Garten habe ich nahezu einen Rundumblick auf das nächtliche Firmament und was sich dort abspielt. Die eine oder andere Sternschnuppe habe ich auch schon erwischen können. Oft höre ich hier auch seltsame Vogellaute, die mir nicht immer vertraut sind. Letztens sah ich einen Vogel mit einem schwarzen Schnabel, wie der einer Krähe, und einem roten Nacken, mit der Farbe eines Rotkehlchens. Das war ein sehr interessanter Vogel und hatte ihn bisher noch nicht gesehen. Er erschien mir fast wie ein entflohener Papagei. Apropos Krähen, davon gibt es hier sehr viele und fliegen gern mit einer Nuss im Schnabel daher, um einen geeigneten Platz zu finden und sie zu knacken.

Daraufhin habe ich erst einmal den Garten inspiziert und den Bestand erfasst. Dazu entdeckte ich 15 Tannen, 1 Eiche, 2 Apfelbäume, 2 Weinreben, mehrere Büsche und noch 3 Nutzbäume, die ich nicht bestimmen konnte, da sie gegenwärtig keinerlei Früchte mehr tragen oder einen sonstigen Hinweis auf ihre Art herausrücken möchten. Ich hoffe, dass ein Kirschbaum dabei ist. Geplant ist hier, den Zaun aufzubessern, welcher ziemlich ramponiert scheint, und diesen dann mit Ranken zu versehen. Ebenso stehen mehrere Wäschestangen herum, die vermutlich in einem Betonklotz in der Wiese stecken. Diese zu entfernen wird sicherlich auch nicht einfach. Hinter dem Haus befindet sich noch ein Schuppen, der älter als das Haus selbst zu sein scheint und ziemlich abenteuerlich wirkt. Neben Unmengen an Holzscheiten und Gartengeräten, findet man dort auch eine Sense, Dachpfannen, einen Rasenmäher und anderes Zeug, von dem man nicht sicher ist, ob dies jemals wieder benötigt wird.

Da bereits einige nach Fotos gerufen haben, im Folgenden eines über den Ausblick nach Osten auf den Sonnenaufgang, ein Blick nach Norden auf das Feld und den Wald und eins, das ich unterwegs von einem Schloss gemacht habe. Zur Erhaltung meiner Privatsphäre möchte ich keine Ortsangaben geben. Ich hoffe, das kann man verstehen. Die Fotos habe ich mit einem Smartphone gemacht (weil ich zu meiner Schande gestehen muss, dass ich als Fotograf recht selten meine gute Kamera dabei habe):

Blick nach Osten zum Sonnenaufgang und auf einige der Tannen.

Blick nach Norden auf einen Teil des Waldes, Feld und Weinreben.

Schloss mit Schlossgarten in der Nähe.

In diesem hübschen Schloss kann man hervorragend dinieren und scheint mir das beste Restaurant der Gegend zu sein. Immerhin gibt es hier einen Ruf zu erhalten und dies gelingt dem Besitzer ganz hervorragend.

Wie bereits in meinem Artikel “Zirbeldrüsen Flash: Aktive und passive Absicht” erwähnt, habe ich mir auf meiner Haussuche zig Häuser und deren Fotos im Internet angeschaut, da die Angebote so zahlreich gewesen waren. Anfangs, es war vielleicht das dritte oder vierte Haus, erblickte ich Fotos, die mir bekannt vorkamen, nahezu mit dem Gefühl begleitet, dass ich mich zu erinnern meinte, in einem bestimmten Haus schon einmal gelebt zu haben. Dieser Eindruck war jedoch so flüchtig gewesen, dass ich mich nur kurz wunderte, aber diesen ziemlich schnell zur Seite schob und wieder vergaß. Im Rückblick auf diesen Moment hat dieser kurze Eindruck jedoch absolut gepasst, denn nun sitze und wohne ich exakt in diesem Haus und schreibe diesen Artikel hier. Manchmal habe ich mich dann schon gefragt, warum verließ ich das wunderschöne Freiburg mit seinen Bergen, Tälern und dem bezaubernden Schwarzwald und ziehe in ein ziemlich renovierungsbedürftiges Haus im Osten? Es scheint, als sollte ich diesen Ort hier aufsuchen und mich vorerst hier niederlassen. Antworten darauf habe ich noch keine finden können, aber jeden Tag kommt ein kleines Puzzleteil dazu. So habe ich bereits einige kurze Momente der Bewusstseinserweiterung erfahren dürfen, die mir zeigten, dass ich hier bereits einmal gelebt habe. Nicht in einem anderen Leben, sondern zu meiner Verblüffung als Jonathan. Erst gestern noch hatte ich den Eindruck, als befände ich mich in einer Art Zeitschleife, in die ich wieder zurückkehren musste, um etwas, das ich begonnen hatte, zu Ende führen zu können. Ich fuhr durch nahegelegene Straßen, die ich so weit draußen auf dem Lande niemals zuvor gesehen haben konnte und doch kamen mir die Wege sehr bekannt vor. Der Eindruck war so intensiv, dass ich ihn nicht hinfortleugnen konnte. Die Frage, wie es sein kann, mich an Orte zu erinnern, an denen ich niemals zuvor gewesen sein kann, erscheint erst einmal wie ein Dejávù, aber mir kommt dies eher wie eine Zeitschleife vor. Man kehrt an den Ort zurück, an dem man bereits einmal gewesen ist, um das zu erledigen, was beim ersten Mal nicht funktioniert hatte. Ungefähr in dieser Form war mein emotionaler Eindruck in diesem veränderten Bewusstseinszustand. Wer sich dies nun fragen mag, nein, ich habe keine Drogen genommen. Hier scheint es mir vielmehr so zu sein, dass die Abgeschiedenheit mehr auf das Bewusstsein wirkt und plötzliche Verschiebungen in andere Zustände begünstigt. Immerhin hatte ich mein Leben lang in der Stadt gelebt.

Das Landleben birgt auch einige Nachteile in sich. Auf den Luxus einer starken DSL-Verbindung muss man leider verzichten und der nächste Supermarkt ist 5 km entfernt. Es gibt aber noch einen geheimen Weg durch den Wald, der die Strecke auf 2 km begrenzt. Ein normales Kanalisationssystem ist auch nicht vorhanden und es wird vorzugsweise mit Kläranlagen gearbeitet, die das Abwasser auf chemische Weise verarbeiten und zersetzen. Auch scheint es hier nachts wesentlich kälter zu sein, als in der Stadt – das ist auch verständlich, denn tagsüber heizt die Sonne die Backsteinhäuser in der Stadt auf und versorgen die Bewohner am Abend noch mit einer gewissen Restwärme. Glücklicherweise befindet sich Leipzig einigermaßen in der Nähe und dort werde ich zukünftig sicherlich des Öfteren anzutreffen sein. Auch ist es geplant, in der Stadt mehrere Vorträge als Einleitung für meine Workshops zu halten. Dazu hat sich schon der eine oder andere Workshopteilnehmer bereiterklärt, mir dabei volle Unterstützung zu geben. Gewiss werden auch Workshops in Leipzig erfolgen. Die Zukunft ist offen und verbleibt spannend – so soll es doch immer sein…

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5 Kommentare zu “Ein Haus im Osten: Tal der Ahnungslosen (Teil 6)

  1. Hallo, Jonathan
    nochmal zu dem Westfernsehen. Es gab nach der Wende eine Untersuchung über die Zufriedenheit der ehemaligen DDR-Bewohner. Was dabei überraschte, war das Ergebnis darüber, welche Bewohner zufriedener bzw. unzufriedener mit dem System waren, diejenigen mit oder die ohne Westfernsehen: Diejenigen mit Westfernsehen waren die zufriedeneren! Grund war, dass sie sich eben durch das Fernsehen besser ablenken konnten von ihrer Mangel-Situation. Den anderen war ihre Situation viel mehr bewusst.

    Alles Gute weiterhin für Deinen Umzug, ist spannend mitzuerleben. Und einen Waldweg zum Einkaufen hätte ich auch mal gerne. Ich hätte nicht gedacht, dass bei Leipzig Wein wächst.

    LG, Uwe

  2. Hallo Jonathan,
    die Ostler haben nie gelernt eigene Ansprüche zu stellen und arrangieren sich mit dem jetzigen “Regime”, wohlwissend das es sich um die Kehrseite einer Medaille handelt. Wer damals aufmuckte, kam nach Bautzen. Wer heute aufmuckt, kommt in die Psychiatrie. Erstrebenswert ist, wenn sich der Mensch nur seiner eigenen Entwicklung widmet. Es fließt keine Energie mehr in dieses”Regime”so löst es sich auf.Ich bin heute froh, daß ich kein Westfernsehen sehen konnte, mir blieb viel erspart:)Liebe Grüße und viel Glück, der Osten wird Dir guttun! Sabla

  3. Hallo Jonathan!
    Da ich auch ein echter ÖSTler bin (Transylvanien), kann ich die Aussage von SABLA bestätigen. Der Reiz vom Westen wurde verteufelt und verboten. Es hatte trotzdem eine schonende Wirkung auf meine Jugend. Die Verbundenheit zur Natur war gesund, man war des öfteren Selbstversorger, pragmatisch und ruhig.
    Ansonsten finde ich die Leipziger Gegend gemütlich und schön. Richtig Anti-Stress! LG.

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