Ein Haus im Osten: Alter Strom (Teil 11)

‘Ein Haus im Osten’ ist eine Rubrik, in der ich von meinem kürzlichen Umzug nach Ostdeutschland irgendwo in der Pampa, zwischen Leipzig und Zeitz jenseits der Zivilisation, vom Landleben, meinen Erlebnissen in der Umgebung sowie von seltsamen, magischen und spannenden Erfahrungen berichte.

“Ihr Strom ist zu alt!”
“Wie bitte? Mein Strom ist zu alt?”
“Ja, richtig.”
“Aber ich wollte doch nur einen Herd anschließen lassen…”
“Eben, und dafür ist Ihr Strom zu alt.”
“Und was brauche ich nun?”
“Damit Sie den Herd anschließen lassen können?”
“Ja, genau!”

“Mehr Strom! Es gibt drei Ebenen einer Hausstromstärke. Sie sind momentan auf dem niedrigsten Level. Damit der Herd angeschlossen werden kann, müssen Sie mindestens auf der zweiten Ebene sein. Um das zu erreichen, müssen Sie dazu vier Stellen kontaktieren!”

“Wie, vier Stellen? Vier verschiedene Stellen, nur wegen des Herdes?”

“Richtig! Das ist halt Deutsche Bürokratie. Ihr Stromnetz ist eben veraltet und muss erneuert und verstärkt werden. D.h. erst einmal die Stromgesellschaft; die müssen Sie um Erlaubnis bitten, dass an Ihrem Haus das Stromnetz aktualisiert werden darf. Danach müssen Sie einen Elektriker engagieren, der die notwendigen Kabel und den Drehstrom aktualisiert. Dann müssen Sie einen anderen Fach-Elektriker kontaktieren, der Ihnen die Sicherungen austauscht, denn das darf ein normaler Elektriker nicht machen. Und wenn das abgeschlossen ist, dann kommen wir und bauen einen neuen Stromkasten ein. Erst wenn all das fertig ist, dann muss noch mal der normale Elektriker kommen und den Herd anschließen…”

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“Ist nicht Ihr Ernst, oder…?”

Na ja, wie es scheint, entspricht dies doch ernsthaft den Tatsachen. Es ist alles absolut notwendig und darf von einem Elektriker allein nicht durchgeführt werden, wie man mir erklärte, sobald man einen Herd anschließen möchte, der etwas mehr Strom benötigt als vielleicht ein Computer, ein Telefon oder das Licht im Haus. Dies ist mal wieder der Beweis, dass sämtliche Räume im Haus recht schnell renoviert sein können, aber die Küche ist der zentrale Punkt, der erst zum Schluss erfolgreich abgeschlossen werden kann. Allein, um nur eine neue Spüle aufzubauen, die nicht unbedingt eine der 08/15-Spülen sein mag, verlangt bereits ein großes Geschick an Koordination und Planung. Wenn man so unbedarft an die Sache herangeht wie meinereiner, dann kann es schon einmal vorkommen, dass man drei Mal am Tag zum Baumarkt fährt – der ja nur schlappe 15 km entfernt liegt. Sobald man dann alles beisammen hat, wie Spüle, Arbeitsplatte, Becken, Silikon, Schrauben, Siphons, Wasserhahn, Dichtungen, biegsame Schläuche… und was weiß ich nicht alles, ist viel Zeit vergangen. Für dieses eine Teil kann dann schon mal ein ganzer Tag vor die Hunde gehen.

Doch nach nicht allzu kurzem Aufwand steht endlich die Spüle und glänzt so frisch und neu vor sich hin. Das Wasser läuft auch nicht mehr ins Innere des Spülschrankes, sondern tatsächlich in das sehnsuchtsvolle Abflussrohrgedöns. Nun gut, bis der Herd aufgebaut werden kann, das dauert noch ein Weilchen, wie man nun sicherlich mitbekommen hat, aber der Weg zu einer voll einsatzbereiten und intakten Küche verkürzt sich mit jedem Tag. Es kann sich nur noch um Monate handeln…

Dann kann es auch gelegentlich passieren, dass es an der Tür klingelt. Ich öffne die Haustür, da steht ein Lieferwagen quer vor das Tor geparkt. Ein Mann steht am Gartentor und guckt fragend nach innen: “Darf ich eben reinkommen?”

Man ist ja nett und denkt sich, vielleicht ist es etwas Amtliches oder Offizielles… Also eilt der Mann den Weg zum Haus hoch und schüttelt mir kräftig die Hand: “Ich hab hier einen Betrieb in der Nähe. Wir kümmern uns um Zäune, Haustüren, Fenster, Rollläden, Windfänge und so Zeugs. Ach, das ist Ihre Haustür? Lassen Sie mal sehen!”

Er stiefelte dann einfach an mir vorbei und schaute sich die Haustür an.

“Ja, kann sein, dass wir die gemacht haben. Ich weiß es nicht mehr. Wissen Sie, ich bin so froh, dass der Winter so mild war, sonst hätte ich meinen Betrieb schließen können. Meine Angestellten schauen mich auch schon so scheel an und hoffen, dass sie auch ganz bestimmt im nächsten Monat wieder entlohnt werden…”, sagte er und ging auch gleich nahtlos auf’s Du über, “aber wenn du mal was hast, dann meld’ dich nur bei mir. Ich kann das alles und wir machen das auch gerne, okay Meister? Nichts für ungut. Das sind ja jetzt auch immer mehr, dass hier die betuchten Leute aus dem Süden in den Osten ziehen, ein Haus aufkaufen und das dann schön machen. Ist im Kommen, ich sag’s dir.”

Mittlerweile stand er schon im Flur und schaute sich alles genau an, ob er eine seiner Arbeiten bereits wiedererkannt hat oder nicht: “Ich glaube, hier die Fenster, die haben wir auch gemacht. Jaja, sieht nach uns aus.”

Er redete danach noch eine gewisse Weile, bis ich dann diplomatisch meinte, ich müsse jetzt weiterarbeiten.

“Also, hier, meine Visitenkarte. Wenn was ist, dann sagst du uns einfach Bescheid.”

Sicherlich nicht, dachte ich. Aufdringlichkeit wird bei mir nicht belohnt. Danach widmete ich mich dem Schuppen, denn der Sperrmüll möchte morgen vorbeischauen und auch was mitnehmen. Was man in einem alten Schuppen alles finden kann! Leitern, Heu, Taubenschlag, Kaninchenställe, aber auch eine Geheimtür, die zu einen verborgenen  Mini-Speicher führt, der sich irgendwie eine Ebene höher zu befinden scheint. Bisher war mir das noch zu dreckig, dort hinaufzukrabbeln, aber wenn Klein-Jona mal wieder durchkommt, dann klettere ich dort bestimmt einmal hinauf, um zu sehen, was es dort zu finden gibt. Da der Vorbesitzer stark an Alzheimer litt, könnte es ja sein, dass sich dort oben ein kleiner Schatz befindet, den er längst vergessen hat. Na ja, vermutlich werden es nur Spinnen sein, die man dort vorfinden wird, aber der berüchtigte Klein-Jona sieht das alles ganz anders…

Fernab solcher Alltagsbewältigungen verschiedenster Art, setze ich mich ja auch ganz gern mal ins Auto und fahre irgendwohin. Dabei benutze ich keinen Navi und provoziere es sogar, mich zu verfahren. Manchmal komme ich auf diese Weise an den seltsamsten Orten heraus. Dann steige ich aus, schaue mir die Gegend an, mache vielleicht ein Foto und fahre dann weiter. Letztens entdeckte ich dann einen ziemlich verlassenen Ort, an dem mehrere selbstgebaute kleine Windräder standen und die ganze Zeit vor sich hinsurrten. Auf einer Anhöhe stand eine riesige Windmühle. Ich ging daraufhin auf sie zu und schaute sie mir aus der Nähe an. Eine sehr schöne Mühle. Die Gegend ist sehr einsam und normale Wohnhäuser waren nicht zu sehen, aber neben der Mühle war ein Haus, in dem offensichtlich welche wohnten.

Nur eine halbe Stunde später, als langsam die Sonne unterging, fuhr ich noch an einer Pferdekoppel vorbei und mir bot sich plötzlich ein wunderschönes Bild. Das leichte Magenta, das nun die Landschaft zu erobern schien, stand im Dämmerlicht ein weißes Pferd auf der Wiese. Es war ein sehr verträumtes Bild, gleich aus einem Fantasyfilm entnommen. Natürlich habe ich angehalten und diesen Moment genossen. Einfach am Straßenrand sitzen und dem Pferd zusehen, das für einen winzigen Moment den Anschein erweckte, als wartete es nur auf die Elbin, die gerade abgestiegen und in die Büsche verschwunden ist…

Es waren noch zwei weitere Pferde zu sehen. Die drei schauten mich nun verdutzt an, warum ich mitten auf der Straße gehalten hatte und was ich denn wohl hier wollte. Das Schöne im Osten sind ja die einsamen Landstraßen, die verlassenen Häuser und Höfe und dass man mitten auf einer Straße halten und aussteigen kann, weil eben niemand kommt, den das stören könnte.

Manchmal mache ich auch einen Kurz-Trip nach Leipzig oder Berlin, um jemanden zu besuchen oder ich fahre weiter hinaus. Als ich das letzte Mal in Berlin war, wurde auf dem Potsdamer Platz gerade Werbung für den Film “Hobbit – Teil 2” gemacht:

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Irgendwie erinnerte mich das sehr an die alte Nibelungensage. Der Drache, der in seinem Schatz ruhte und sich wie Dagobert Duck daran labte und darin badete… Trotz alledem ein schönes Bild, das sich den Besuchern bot.

In Leipzig bin ich ja des Öfteren unterwegs und habe dort trotzdem kaum Fotos geschossen. Habe ich aber kürzlich eines vom Rathausplatz am späteren Abend gemacht. Der hier sichtbare Mond ist garantiert echt und niemals nicht hineingeklebt worden:

Sogar ein UFO habe ich mittlerweile gesehen. Das Erste in diesem Gebiet. Die Sichtung fand statt, als ich gerade zu Bett gehen wollte. Ich sah ein Blinken am Horizont. Dabei handelte es sich definitiv um ein Flugzeug mit Positionslichtern. Es war sehr weit entfernt und erschien mir nur als blinkender Punkt. Das kennt man sicherlich. Plötzlich hielt das Flugzeug an und blinkte nicht mehr. Kurz darauf kehrte es direkt wieder ein Stück zurück, flog ein wenig steil nach unten, dann wieder hoch, nur um letzten Endes wieder seine normale Flugbahn aufzunehmen und wieder zu blinken, als sei es ein stinknormales Flugzeug. Ein sehr seltsames Verhalten, zumal es diese Flugkapriolen innerhalb von ca. 20-30 Sekunden absolviert hatte. Definitiv unmöglich für ein steifes Flugzeug. Der Sommer scheint interessant zu werden.

 

6 Kommentare zu “Ein Haus im Osten: Alter Strom (Teil 11)

  1. Hallo Jonathan …
    Ich finde deine Geschichte grossartig und witzig zugleich .
    Ich kenne das Leben und die Leute aus dieser Umgebung nur zu gut .
    Sie führten vor vielen Jahren ein gut funktionierendes Hobbit-Leben . Bevor Sie glaubten das der Goldene Westen …ihnen Reichtum und Freiheit bescherte ….naja wir alle waren auf diesem Tripp.
    Jedenfalls gibt es tatsächlich einen Trend zu …Wohlhabende und Leute mit Ersparnissen
    kaufen Haus und Grundstück im Osten .
    Weil es Preiswert ist und obendrein ruhig und gemütlich …
    Schönheit gibt es an jedem Ort …
    Sogar Engländer kommen …
    Auch ich hatte vor kurzem die Eingebung , mein Rentnerleben im Osten zu verbringen …jedenfalls die meiste Zeit.

    Und wenn die UFOs auch von dort gut zu sehen sind , um so besser.

  2. wieder ganz schön wie und was du alles beschreibst! was ich bewundere wie du bei so vielen “Alltagsbewältigungen verschiedenster Art” die mit dem neuen Haus im Osten verbunden sind, immer auch in deiner geistigen präsenz bleibst. wie schaft man so was? fällt es dir nicht schwer? oder inspiriert es dich sogar? lg grace

  3. Hallo Grace,
    danke für Deinen Kommentar.
    Du bist ja sehr aufmerksam. :-) Das ist richtig, was Du sagst. Es liegt wohl daran, dass ich nicht so identifiziert mit der Alltagsrealität bin. Ich weiß ja, dass dies alles nur ein Traum ist.
    Liebe Grüße, Jonathan

  4. das ist schön, denn ein traum ist eine kreative quelle des lebens. und wenn auch das leben ein traum ist oder so wahrgenommen wird, kann es nicht anders sein. das ist die kunst, das leben wie ein lebendiger traum zu leben. so würde ich es jedenfals verstehen :-) lg grace

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