Traumnacht: Das Küken aus der anderen Welt

Ich saß mit einer Freundin an einem Tisch in einer Kneipe. Wir unterhielten uns über Träume. Dann beschlossen wir zu gehen. Als ich vor der Eingangstür stand und sie öffnen wollte, sah ich am Boden ein kleines Küken sitzen. Es war vermutlich gerade eine Woche alt und saß dort ganz allein. Ich nahm es auf und streichelte es. Wie ich sehen konnte, war es völlig gesund. Es war halt nur mutterlos, wie es schien. Dann kam der Wirt herbeigelaufen:

“Gibt es ein Problem?”

“Wir haben hier ein Küken gefunden. Es saß dort unten am Boden. Wissen Sie, wo das hergekommen sein könnte?”, fragte ich den Wirt.

“Nein, weiß ich nicht. Soll ich mich darum kümmern?”

Vermutlich wollte er das Küken irgendwie entsorgen oder so etwas, dachte ich.

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“Nein, danke. Wir kümmern uns schon drum.”

Danach setzten wir uns wieder an den Tisch in der Kneipe und überlegten, was wir nun mit solch einem Küken tun sollten. Das Küken lief derweil auf dem Tisch herum und schaute sich alles genau an.

“Für die Pfanne ist es defintiv noch zu klein”, scherzte ich herum.

Dann kam das Küken auf mich zugelaufen und kletterte auf meinen Unterarm. Es machte sich ganz platt und drückte seinen Bauch fest an meinen Arm.

“Das ist ja so süß!”, sagte die Freundin. “Mach doch mal ein Foto davon!”

Ich holte mein Handy heraus und machte ein Foto. Als das Foto im Display erschien, bekam ich große Augen! Das Foto zeigte nicht das Küken, sondern einen Rauhaardackel!

“Du wirst es nicht glauben…”, sagte ich, “aber schau dir mal das Foto von dem Küken an!”

Ich hielt ihr das Handy hin und ihre Augen weiteten sich immer mehr.

“Wie… wie kann das sein, dass das Foto von dem Küken einen Dackel zeigt? Das geht doch gar nicht!”, rief sie und sprang geradezu erschrocken vom Stuhl auf.

Für einen Moment stand die Luft still im Raum. Dann griff sie nach ihrer Jacke und verließ das Lokal. Ich vermutete, dass sie es mit der Angst zu tun bekommen hatte und das erst einmal verarbeiten musste. Ich wollte mir das Küken schnappen und ihr folgen… doch das Küken hatte sich verwandelt! Es war nun dieser Rauhaardackel von dem Foto!

“Na”, sagte ich zu ihm, “du bist mir ja ein kleiner Formwandler…”

So langsam fing ich an, mich zu wundern. Was war das für ein seltsames Tier? Erst war es ein Küken und nun ein Hund. In was für einer Welt bin ich denn, wo Tiere das einfach so machen können…? Und das war der Moment als ich den Traum als einen Traum erkannte!

“Es gibt nur eine logische Erklärung für all das! Ich träume!”, sagte ich zu dem Hund, den ich nun auf den Arm genommen hatte und ins Freie trug.

Draußen schlug mir ein frischer Wind ins Gesicht. Es war bereits dunkel und Autos fuhren an mir vorbei. Hier gab es vielleicht drei, vier Häuser und sonst nichts. Der Hund war aus meinen Armen spurlos verschwunden, seit ich erkannt hatte, dass ich träumte. Erst jetzt verstand ich auch, was das für ein Tier gewesen war! Es war ein Späher gewesen. Diese Späher sind sich verwandelnde Tiere oder Objekte, die die Aufmerksamkeit eines Menschen, der sich in einem Traum befindet, anziehen wollen. Sobald man auf einen Späher aufmerksam wird, kann man ihn mitnehmen. Damit ist der erste Schritt getan. Der zweite Schritt besteht darin, dass man Kontakt zu seiner inneren Stimme aufnimmt und ihr die Anweisung gibt, den Späher in die Welt zu verfolgen aus der er gekommen ist. Der Effekt, der dann eintritt, ist unglaublich! Mir ist dies zwei Mal im Leben gelungen und hat mich in eine unfassbare Welt geführt! Ein gigantisches Labyrinth aus leuchtenden Tunneln, die randvoll mit der stärksten Energie sind. Wer von dieser Energie kostet, lädt seine inneren Akkus wieder auf und fühlt eine unglaubliche Kraft, Entschlossenheit und Selbstvertrauen in sich, das man sich nicht vorstellen kann! Leider erkennen die meisten Träumer nicht, wenn es sich um einen Späher handelt, selbst wenn sie ihn auf dem Arm haben. Solche Späher tauchen in den Träumen nicht häufig auf und sie sind wie ein kleiner Juwel, den man finden kann.

Wo ist der Späher nun hin? Nun stand ich also draußen an einem fremden Ort. In welche Richtung sollte ich nun gehen?

Doch gleichgültig welche Richtung ich einschlagen würde, ich müsste ca. 500 Meter laufen, um sehen zu können, wo die Straße überhaupt hinführte. Doch ich war ja in einem Traum. Und dort war alles möglich!

Ich raste dann kurzerhand mit 500 km/h die Straße hoch und immer weiter. Ich jagte mit dieser unglaublichen Geschwindigkeit und überholte einige Autos. Das machte richtig Spaß! Der Wind zerzauste mein Haar und mit einigen Zickzack-Bewegungen konnte ich den Autos ausweichen und locker hinter mir lassen. Dann verschwand alles um mich her…

Plötzlich befand ich mich in einem mir fremden Wohnzimmer. Die enorme Geschwindigkeit hatte sich scheinbar in eine Art Teleportation verwandelt. Ich hatte mich anscheinend einfach ins Wohnzimmer fremder Leute gebeamt! Dort saß ich an einem Tisch auf einer hellen Couch. Mir gegenüber saßen zwei Frauen, die vielleicht Mitte vierzig waren. Sie grinsten mich an. Ich war noch ein wenig von dem schnellen Szenenwechsel irritiert und hatte offensichtlich etwas von meiner Klarheit im Traum eingebüßt. Um diese Klarheit wieder vollständig zurückzubekommen, so wusste ich, war es besser, wenn man erst einmal passiv dem Traumgeschehen folgte.

“Da bist du ja!”, meinte eine der Frauen.

Ich nickte und tat so als wüsste ich Bescheid. Doch eigentlich wusste ich immer noch nicht, wo ich hier war. Aus Erfahrung wusste ich, dass man dann einfach die Rolle spielt, die gefordert ist, um den Traum nicht vorzeitig zu beenden. Wo war denn überhaupt der Dackel abgeblieben?

Kaum hatte ich den Gedanken zu Ende gedacht, kam der Dackel aus einem Nebenraum herbeigelaufen und sprang sofort auf die Couch, auf der ich saß, und kuschelte sich liebevoll an mich.

“Den habe ich heute gefunden!”, sagte ich fast entschuldigend.

“Der ist ja süß… Aber der sieht ja genau so aus wie der Hund von Herrn Berschel.”

“Nein”, entgegnete ich, “ich glaube, das ist der Hund vom Grafen.”

Ich schien mich in dem Moment an einen Mann zu erinnern, der immer als der Graf bezeichnet wurde. Ein Rentner im hohen Alter. Überhaupt kamen jetzt schon solche fremden Erinnerungen in meinen Kopf, die mich vergessen ließen, woher ich gekommen war.

“Unsinn. Das ist der Hund vom Berschel! Der sieht genau so aus! Die werden sich ja vielleicht was wundern, weil der Hund als tot gilt.”

“Die werden sich dann bestimmt sehr freuen!”, sagte ich.

“Bestimmt! Die Berschels haben diesen Hund über alles geliebt und irgendwann ist er spurlos verschwunden. Sie dachten dann, er ist überfahren worden oder sonst was.”

Der Hund stand dann auf und watschelte in den Nebenraum. Ich wollte noch an Klarheit gewinnen, um den Hund als Späher für den Eintritt in die andere Welt zu benutzen, das Labyrinth von Prenumbra, wie ich es manchmal nannte. Es war eine richtige objektive Welt, die jeder besuchen kann, der in einem Klartraum einen Späher trifft und ihm folgen konnte… Eine unabhängige Welt, genau so selbständig wie unsere Alltagswelt. Jeder, der sie besuchte, beschrieb exakt die gleichen Dinge.

Ein Späher? Was war denn noch mal mit dem Späher? Langsam verlor ich schon meine Klarheit in dem Traum. Dann sah ich, wie der Hund wieder im Nebenraum verschwand. Dann hörte ich seltsame Töne aus dem anderen Zimmer. Kurz darauf kam eine Frau heraus. Sie trug einen kurzen Rock und eine helle Bluse und war vielleicht Mitte 20. Sie setze sich ganz nah neben mich, genau so nah, wie es der Hund zuvor gemacht hatte.

Diese Frau kannte ich nicht. Noch nie gesehen!, dachte ich. Diese Frau schien Russin zu sein. War sie etwa der Dackel gewesen? Hatte sich der Dackel jetzt in eine Frau verwandelt? Doch meine Klarheit verschwand immer mehr und ich spürte kurz darauf wieder meinen Körper in meinem Bett.

Ein verrückter Traum. Ein Küken, das sich in einen Dackel und dann in eine Russin verwandeln konnte. Schade, dass ich nicht die Gelegenheit gefunden hatte, diesen mutierenden Späher zu nutzen. Vielleicht werde ich ja beim nächsten Mal wieder mal einen finden…

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1 kommentiert zu “Traumnacht: Das Küken aus der anderen Welt

  1. Formwandler … ein wundervolles Wort, welches ich mir somit merken werde. Ich bezeichnete diese “Kunst” bisher als: hinter die “Dinge” zu sehen. Formwandler trifft dies allerdings perfekt, kurz und bündig.
    Danke Jonathan!!!

    LG
    Nicole

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