Traumnacht: Ulrike Meinhof Komplex

Sie hatten mich in dieser großen Hotelhalle eingekreist! Mehrere Polizisten standen hinter den Säulen und zielten mit ihren Waffen auf mich. Es gab kein Entkommen, doch ich war zuversichtlich. Diese Schweine sollten mich nicht kriegen! Ich werde es denen schon zeigen!

Mit einem Sprung konnte ich in den Fahrstuhl springen. Sie schossen auf mich, aber trafen mich nicht. Als ich im ersten Stock gleich wieder ausstieg, kamen mir vier Männer von Antiterror-Kommando entgegen. Sie hielten mich fest, aber ich besaß keine Angst! Mit einem Hieb schlug ich einen von ihnen zu Boden. Der nächste bekam meinen Ellenbogen ins Gesicht und den nächsten warf ich im hohen Bogen über einen Servierwagen. Der letzte von ihnen schlug nach mir, aber ich wich aus und trat ihm zwischen die Beine. Ich besaß eine unbändige Kraft und fühlte mich unbesiegbar…

Ich war gerade mit meinem Kollegen angekommen. Wir waren instruiert worden, diese Terroristin zu fangen, die die Antiterroreinheit in einem Hotel gestellt hatte. Als ich die Lobby betrat, sah ich an die zwanzig Polizisten.

“Wo ist sie?”, fragte ich.

“Sie ist mit dem Lift in den ersten Stock gefahren. Sie sollten dort nicht hochgehen, diese Frau ist wahnsinnig. Sie hat gerade eben noch vier unserer besten Männer in wenigen Sekunden fertig gemacht!”

“Ich werde vorsichtig sein und nehme meinen Kollegen mit.”

Kurze Zeit später kam mein Kollege ebenfalls an und wir gingen vorsichtig die Treppen hinauf, um in den ersten Stock zu gelangen. Die Treppe machte einen Bogen nach oben und als wir die letzte Stufe nahmen, glaubte ich, sie kurz hinter einer Ecke hervorlugen zu sehen.

Ich wusste, dass sie nicht bewaffnet war und es war wichtig für uns, sie möglichst lebendig in Gewahrsam zu nehmen.

Schritt für Schritt näherten wir uns dem nächsten Gang. Hinter dieser Ecke hatte ich sie kurz nach uns schauen sehen. Plötzlich sprang die Terroristin aus einem der Hotelzimmer heraus und schlug meinen Kollegen in Windeseile nieder. Dann griff sie mir an den Hals!

“Was willst du hier? Bist du auch von den Bullen?”, schrie sie mich an.

Ich fühlte eine unglaubliche Angst, die rasend schnell in mir hochstieg und meinen Körper förmlich lähmte. Für einen Augenblick glaubte ich, dass sie mir das Genick brechen würde. Ich konnte ihrer Kraft einfach nichts entgegen setzen. Wie eine Puppe hing ich an ihrem Arm.

“Ich… ich will Ihnen nichts tun… Wir wollen nur mit ihnen reden”, stammelte ich hervor und mir wurde bereits schwindelig. Eine Ohnmacht bahnte sich an.

Dann hörte ich ein ploppendes Geräusch und ich erkannte einen Pfeil, der nun im Hals der Terroristin steckte. Sie zog den Pfeil heraus, torkelte und fiel dann zu Boden…

Ich weiß nicht, wer dieser Mann und diese Frau waren, aber sie hatten mich erfolgreich abgelenkt, sodass die Schweine mich betäuben konnten. Nun hatten sie mich festgebunden und verhörten mich.

Die Frau war vermutlich eine Polizeipsychologin und wollte wohl meine Psyche analysieren. Sobald ich mich hier wieder befreit habe, werde ich auch sie umbringen. Die können mich nicht für ewig anbinden.

Die Psychologin kam sehr nah an mich heran und sagte irgendwas. Ich hatte Schwierigkeiten, sie richtig zu verstehen. Alles wirkte so verschwommen und undeutlich. Dann fühlte ich in mir, wie mich etwas zur Seite schob. Es war eine undefinierbare Energie oder Kraft. Ich konnte es nicht korrekt bestimmen, doch ab einem gewissen Punkt war ich plötzlich jemand völlig anderes. Ich befand mich zwar immer noch in meinem Körper, aber meine ganze Persönlichkeit hatte gewechselt. Jetzt konnte ich die Psychologin auch richtig verstehen und die Umgebung war wieder sehr deutlich.

“Ich glaube, sie hat wieder gewechselt”; hörte ich sie sagen.

Ich fühlte mich sanft und erinnerte mich daran, dass ich eine liebende Mutter einer achtjährigen Tochter war. Sicher würde sie zu Hause sehnsüchtig auf mich warten und ich… ich war hier angebunden.

“Bitte lassen Sie mich gehen! Ich muss zu meiner Tochter!”, bat ich die Leute, die um mich herumstanden.

Einer der Polizisten kam von rechts auf mich zu und blickte mir in die Augen:

“Das ist unglaublich! Sie ist wieder ganz die alte. Schaut euch das an!”, und es kamen noch mehr Polizisten an mich herangetreten und blickten mich neugierig an.

“Stimmt”, murmelten sie und grinsten mich freundlich an.

“Unter diesen Umständen würde ich sagen, dass wir sie wieder gehen lassen können. Sie scheint geheilt zu sein. Was denken Sie?”, sagte der Polizist und schaute die Psychologin an.

“Ja, das sehe ich auch so. Sie ist wieder okay.”

Nun trat ein anderer Polizist an mich heran und nahm mir die Fesseln ab. Im Anschluss wurde ich aus dem Verhörraum hinausgeführt. Auf dem Flur standen wir beisammen und sie beglückwünschten mich. Es schien mir so, als hätten sie mich längere Zeit vermisst oder als wäre ich erfolgreich von einer akuten Persönlichkeitsspaltung geheilt worden.

“Wir hatten uns richtig Sorgen um Sie gemacht. Und diese Kräfte, die Sie entwickelt hatten, das war einfach unglaublich. Sie haben es, ohne mit der Wimper zu zucken, mit vier Männern gleichzeitig aufgenommen und diese mit Leichtigkeit niedergeschlagen. Sie liegen noch jetzt im Hospital und werden zusammengeflickt…”

Wir standen noch eine halbe Stunde auf dem Flur und sprachen über die vergangenen Ereignisse. Ich konnte mich nur bruchstückhaft an die Auseinandersetzungen in dem Hotel erinnern. Kurz blitzen einige Szenen auf, aber dann verschwanden sie wieder. Es war schwierig für mich, alles wieder zusammenzusetzen.

“Warten Sie, ich führe Sie nun nach draußen, dann werden Sie nach Hause zu Ihrer Tochter gefahren.”, sagte einer der Polizisten.

Als wir das Gebäude verließen, wurde mir plötzlich schwindelig. Ich musste mich an der Schulter des Polizisten abstützen.

“Geht es Ihnen gut?”, fragte er sofort besorgt nach.

Die Bullen glaubten, dass ich wieder in Ordnung bin und haben mich laufen lassen. Jetzt bloß nicht auffallen! Sobald ich hier weg bin, werde ich mir genau überlegen, wie ich sie allesamt fertigmache. Das haben sie nicht ungestraft getan…

…Dann erwachte ich in meinem Bett.

Es war ein seltsamer Traum gewesen. Ich wechselte darin eigentlich noch häufiger die Perspektive zwischen der Psychologin und der Terroristin, aber habe diesen Tagebucheintrag von diesem Traum nicht noch verwirrender gestalten wollen. Ein klassisches Opfer-Täter-Schema, das ich hier durchspielte, in dem ich beide Positionen durchleben durfte. Ich, als Jonathan, war mir die ganze Zeit über des Vorganges bewusst gewesen, dass diese Wechsel zwischen den beiden stattfand und ebenso der interne Wechsel zwischen ihrer Rolle als Terroristin und jener als liebende Mutter. Ebenso besaß ich als Jonathan auch uneingeschränkte Erinnerung an die Taten beider Rollen. Doch die beiden Rollen unter sich wussten anfangs nicht voneinander bescheid. Sie hatten sich immer nahtlos abgewechselt und völlig entgegengesetzte Taten vollbracht. Die Mutter zog ihre Tochter auf und kümmerte sich um den Haushalt und die Terroristin kämpfte gegen die Polizei und wollte scheinbar einen getöteten Freund rächen. Mich erinnerte ihre Gesinnung und Denkweise sehr an den Film, den ich vor einigen Monaten sah, in dem die Bader-Meinhof-Gruppe und ihr Leben dargestellt wurde.

Ebenfalls interessant fand ich die Gesetzgebung in dieser alternativen Realität. In unserer Realität lässt man einen Menschen nicht wieder in die Öffentlichkeit, wenn dieser jemanden niedergeschlagen oder gar getötet hat, “nur” weil er gerade einen schizophrenen Schub erfuhr. In dieser alternativen Realität scheint es jedenfalls so zu sein, dass, wenn man wieder zu seiner normalen Alltagsrolle zurückgefunden hat, man dann nicht mehr als straffällig gilt. Leider kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ob die Psychologin davon ausgegangen war, dass die Mutter nun für immer geheilt war oder nicht. Vielleicht glaubte sie das und dies war Grund dafür gewesen, sie wieder frei zu lassen. Trotzalledem eine für unseren Alltag sicherlich untypische Gesetzgebung.

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