Die andere Seite: Die geheime Kapelle

‘Die andere Seite’ ist eine bestimmte Ebene in den Träumen, in der nicht um Geld, sondern vielmehr um Bewusstheit gekämpft wird und zwar um jedes Quentchen. Eine Traumwelt der Dualität, des Kampfes, der Verluste und Siege, kurzum eine Trainingsebene auch zur Ausbildung latenter Fähigkeiten. Jeder Mensch besucht gelegentlich diese Trainingsebene in seinen Träumen.

“Folgen Sie mir!”, sagte der Mann und ich ging ihm nach.

Er trug einen schwarzen Anzug, einen weißen Kragen und war sicherlich um die 70 Jahre alt, doch war er für das Alter noch verhältnismäßig agil. Nachdem wir durch einen langen Korridor gegangen waren, eröffnete sich vor mir ein sehr großer dunkler Raum. Rechts von mir konnte ich eine Bar erblicken. Es schien, als war dies einst eine Kneipe gewesen, aber außer diesem Artefakt wies nichts mehr darauf hin, denn, als er das Licht einschaltete, es wurde nur ein Teil des Raumes in warmes helles Licht gehüllt. Dort standen an die 30 Stühle, ein Rednerpult und eine Menge religiöser Utensilien. Auf mich wirkte es beinahe wie eine Kapelle oder besser eine Art Andachtsraum.

Irgendwie wirkte durch dieses Licht der Raum nun heilig, aber dennoch verschwiegen und unantastbar…

Er schaute mich mit großen warnenden Augen an: “Wissen Sie, es ist absolut notwendig, dass Sie in diesen Raum nur diejenigen eintreten lassen, die hiervon wissen. Dieser Raum muss absolut geheim bleiben!”

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Ich nickte stumm.

“Und vergessen Sie es nicht! Niemand darf von diesem Raum erfahren!”

In dem Augenblick kehrte er wieder um und lief zurück zum Ausgang. Ich folgte ihm. Draußen angekommen zeigte er mir noch einmal die Eingangstür.

“Hier, das ist die Tür. Lassen Sie nur diejenigen rein, die hier auch hinein sollen. Wer nicht weiß, was sich dahinter befindet, muss draußen bleiben!”

“Wie Sie wünschen!”, entgegnete ich. “Doch ich befürchte, auf Dauer werden Sie es nicht schaffen, diesen Raum geheimzuhalten.

Nun kam ein anderer Mann hinzu, der im gleichen Alter zu sein schien. Er war sein Mitarbeiter und hatte mitbekommen, was ich eben gesagt hatte.

“Er hat Recht. Es wird unmöglich sein, diesen Raum für immer geheimzuhalten. Das wird nicht funktionieren. Irgendwann wird irgendwer es jemanden erzählt haben und dann spricht es sich herum.”

“Dann sollten wir diesen Raum mit Kraft und Verstand verteidigen, solange, wie es irgendwie möglich ist.”

Ich wusste, dass er dabei auf Wächter mit Kampfkünsten anspielte, die, wenn nötig, mit Gewalt versuchen würden, dass man den Raum stürmte oder ihn ohne Erlaubnis betrat. So ging er ein Stückchen von uns weg und tätigte einen Anruf.

Ungefähr eine halbe Stunde später tauchte eine Frau auf, sie war vielleicht um die 30 Jahre alt. Ich fand sie ganz sympathisch, auch wenn sie mich ausschließlich auf der Freundschaftsebene ansprach. Es war offensichtlich, dass der Mann mit dem weißen Kragen sie gerufen hatte.

“Hier, diese Frau ist ebenfalls in diversen Kampftechniken trainiert und wird nun mit dir zusammen diesen Raum bewachen. Lasst niemanden herein, der nicht eingeladen ist. Egal, wie sehr gebettelt oder gekämpft wird. Jeder weitere Tag, an dem der Raum existiert, ist ausschlaggebend!”

Danach verabschiedeten sich die beiden Männer und ließen uns allein. Kaum waren wir unter uns, begann ein Kampf zwischen uns. Sie griff mich an, allem Anschein nach aus einer spontanen Laune heraus, eine kleine Trainingsstunde einzulegen.

So stützten wir uns auf einem Knie ab und knieten uns nun gegenüber, Auge in Auge, wie in einem Duell, und warteten auf den Startschuss, um mit dem Kampf zu beginnen. Ich weiß nicht, welchen Hinweis sie als Startschuss für den Kampf interpretiert hatte, aber ich glaube, weil ich geblinzelt hatte. Jedenfalls prallte sie gegen mich und schleuderte mich einige Meter zurück. Nun folgte eine Reihe von Schlägen, die mich an der Brust treffen sollten, die ich jedoch abwehren konnte.

Sie war eine verdammt gute Kämpferin und beherrschte die Kunst. Tritte und Schläge, gute Ausweichmanöver, Schnelligkeit und flink war sie ebenso. Der Mann mit dem weißen Kragen hatte mit ihr eine gute Wahl getroffen.

Während wir kämpften, wurde ich luzid und erkannte, dass ich mich eigentlich in einem Traum befand. Wie so oft, kommt man in einem Traum zu Bewusstsein, wenn man mit dem Rücken zur Wand steht. So war es in meinem Fall. Sie hatte mich zurückgedrängt und ich musste ihre Attacken ständig abwehren. Sie waren so schnell und gekonnt ausgeführt, dass ich bisher noch keine Zeit besessen hatte, auch nur einmal zurückzuschlagen. Somit stand ich momentan nur auf Verteidigung.

In dem Moment, als ich mir meiner selbst bewusst wurde, besaß ich viel mehr Optionen als vorher. Natürlich hätte ich sie nun einfach einfrieren und zum Mond schießen können, aber dieses Verhalten war mir zu plump gewesen. So entschied ich mich dafür, luzid in meiner Rolle zu bleiben und mir einen Spaß aus diesem Kampf zu machen. So konnte ich nun mit Kraft meines Geistes den ganzen Kampfablauf verlangsamen. Jetzt kamen ihre Schläge wesentlich langsamer bei mir an und ich konnte spielend einfach ausweichen und gleichzeitig auch mal zurückschlagen.

Nachdem ich es geschafft hatte, sie ganze dreimal gegen ihr Brustbein zu schlagen, stand sie schwer keuchend vor mir und schaute mich ungläubig an:

“Wie… wie hast du das so schnell geschafft, bei meiner Schnelligkeit und Training seit meiner Kindheit, meinen Angriffen derart auszuweichen und dann noch zurückzuschlagen? Das gelingt niemandem! Du musst es mir sagen. Wie kann es sein, dass du, der anfangs nicht die Geschwindigkeit besaß, mir auszuweichen, es nun kann und wie ist es möglich, dass du durch das Trommelfeuer meiner Schläge hindurchkommen und mich treffen konntest?”

Ich schaute sie grinsend an und entgegnete:

“Das möchtest du gar nicht wissen…”

 

1 kommentiert zu “Die andere Seite: Die geheime Kapelle

  1. Das hätte ich erwidert und hätte dann gerne ihr Gesicht gesehen … ^^

    Wenn ich es mir recht überlege, möchte es dir lieber nicht sagen, denn wäre es gleichzeitig ein Eingeständnis, daß ich eigentlich gemogelt habe.

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