Suche nach Erleuchtung: Der Hunger (Teil 17)

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Bereits eine Weile flog ich schon durch das Labyrinth. Mittlerweile kenne ich mich dort immer besser aus. Zwar ist es noch immer sehr schwierig, Erinnerungen aus diesen anderen Realitäten mit in den Alltag für das Klonselbst zu retten, damit es in seinem Traumtagebuch davon berichten kann, aber mit der Zeit bekommt man ein Gefühl für die unterschiedlichen Verläufe diverser Realitäten. Insbesondere interessierten mich manchmal zukünftige Verläufe von alternativen Realitäten, die aus der Perspektive nichts anderes sind als mögliche Zukünfte. Jeder Mensch kann eine Zukunft wählen, tagtäglich. Eine Entscheidung bewirkt diese oder jene Konsequenz und verursacht gleichzeitig eine Reihe weiterer Konsequenzen. Es gibt Menschen, die können sich nur schwer entscheiden, dann wieder welche, denen es sehr leicht zu fallen scheint. Die Charaktere sind hier unterschiedlich. Persönlich hatte ich selten Entscheidungsschwierigkeiten in meinem Leben erfahren müssen. Vermutlich lag es daran, dass ich stets davon ausging, dass jede Entscheidung, die man im Leben trifft, mich in die eine oder andere Zukunft befördert, aber dass eben jede einzelne Zukunft sicherlich ihre Vor- und Nachteile haben wird. Nicht eine davon kann nur aus Nachteilen bestehen. Aus diesem Grund kann man in jeder Zukunft mit Überraschungen, Enttäuschungen, Erfolgen und diversen Begegnungen rechnen. Dies soll nicht bedeuten, dass man sich wahllos entscheiden sollte, denn ausschlaggebend ist die Intuition, die dabei hilft, die richtige Richtung einzuschlagen und zu wissen, wohin die Reise ungefähr gehen soll.

Während ich mir all die Realitäten anschaute, die wie mögliche Vergangenheiten und Zukünfte vor mir herumwaberten, schaute ich wie gebannt in die Weite des Labyrinths, weit hinaus bis ins Universum mit all seinen Sonnen und Planeten… Dabei erkannte ich plötzlich etwas Interessantes. Nicht nur in jeder dieser möglichen, alternativen Realitäten, sondern auch auf jedem Planeten in unseren ganzen Universum, wird jede Kreatur von einem unstillbaren Hunger vorangetrieben. Der Hunger ist beinahe wie eine Sucht, ein unruhiges Verlangen, sich auszudrücken, sich zu verkörpern und weiterzuentwickeln. Es war wie ein magischer Bann, der über jedes mögliche Lebewesen des ganzen Universums erhangen worden war und dem niemand entkommen konnte. Auf der einen Seite empfand ich diesen Drang als etwas Kreatives und Schönes, doch ein anderer Teil in mir sah es als unersättlichen Hunger, dem man sich nicht entziehen konnte. Es war auch kein Aha-Erlebnis, eine Erkenntnis oder gar einen Erleuchtung, sondern es war eine Art völlig trockener Überblick und Einsicht, die alle Wesen des Universums antreibt. Während also der eine Teil begeistert war, eine gemeinsame Motivation aller erblicken zu können, so war es einem anderen Teil nicht geheuer. Letzterer fühlte sich gefangen und diesem Hunger unterworfen, es war wie ein Programm, dem man sich nicht entziehen konnte. Assoziationen zu dem Film Die Matrix kamen in ihm/mir herauf und ich spürte, wie ich gleichzeitig zurück ins Klonselbst wechselte.

Ich fühlte mich gefangen. Der Wunsch, dieses Universum zu verlassen und sich dem Hunger an irgendeinem Punkt endgültig zu entziehen, kam in mir auf und machte diesen fragenden Teil meiner Selbst traurig. Diese Spaltung hielt noch eine Weile an, bis ich mich nach einigen Minuten wieder normalisiert hatte. Verwundert setzte ich mich auf die Bettkante und dachte über diesen Eindruck nach. Ich erinnerte mich plötzlich sogar daran, dass diese kleine Erkenntnis schon von ein paar Suchenden erlangt worden war. Ich hatte einige von ihnen sogar schemenhaft erkennen können. Überascht war ich von der Spaltung in meinem Selbst, bei der einer mit Freude diesen Hunger miterlebte, während sich ein anderer melancholisch nach einem Ausweg aus dem Universum suchte.

Was hatte diese Einsicht oder Verknüpfung durch den Verstand zu bedeuten, der mir diesen universellen Hunger präsentiert hatte? Warum wurde mir dies gezeigt? War dies nicht wunderschön, dass das universelle Bewusstsein stets nach Wegen suchte, um sich auszudrücken? Doch warum deprimierte dies einen Teil in mir? Vielleicht könnte ich das nächste Mal den alten Mann befragen, wie er diese Spaltung in mir erklären würde…

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