Suche nach Erleuchtung: Des Tarners Regeln (Teil 11)

suche nach erleuchtung

Ich war darauf erpicht herauszufinden, wann mein Bewusstsein bzw. meine Aufmerksamkeit einen Sprung machte und ich aus dem Klonselbst herausfiel, um mich kurz danach erneut in den Wahrscheinlichkeitsfraktalen wiederzufinden. Ich achtete mit aller Konzentration darauf, aber nach ein bis zwei Minuten war ich plötzlich in den Fraktalen und von meinem Klonselbst war nichts mehr zu sehen. Es war, als hätte es niemals existiert. Mir war es auch nun völlig gleichgültig, ob das Klonselbst existierte oder nicht bzw. wann dieser Sprung stattgefunden haben mochte. So raste ich durch das Labyrinth und erblickte die vielen alternativen Realitäten. In jeder dieser Realitäten gab es einen Jonathan und er lebte dort sein Leben, so wie ich auch in meinem Alltag mein Leben verbrachte.
Nun fiel mir wieder der Tarner auf. Er raste an mir vorbei und ich konzentrierte mich auf ihn. Es war mir wichtig, mehr über ihn zu erfahren. Besaß er bestimmte sich wiederholende Verhaltensweisen? Was war seine Motivation? Wie lautete sein Auftrag? Was war ihm wichtig? Während ich mir diese Fragen stellte und mich auf ihn konzentrierte, gelangten plötzlich Bilder in meinen Kopf. Ich durfte erneut all die Menschen sehen, die ich in irgendeiner Form kannte. Sie bemühten sich – jeder für sich – das große Spiel um die Erleuchtung zu für sich zu gewinnen. Es war jedoch kein gegeneinander spielen, sondern der Spielgegner war der Tarner. So deutlich wie nie zuvor erblickte ich seine Motivation und ich kann mich nur wiederholen, wenn ich sage, dass er wie ein verspieltes Kind ist. Während ich mir dies nochmals vergegenwärtigte, erkannte ich mit einem Mal, dass alle Menschen, die auf der Suche nach der Erleuchtung sind, den gleichen Fehler machten – mich eingeschlossen. Sie alle besaßen genaue Vorstellungen darüber, wie diese auszusehen hatte. Ebenso gingen sie von Maßstäben aus, die sie von ihren Lehrern und Erfahrungen übernommen hatten. Manch einer zog in die Aschrams von Indien, andere nahmen bewusstseinserweiternde Substanzen, wieder andere praktizierten Yoga oder buddhistische bzw. esoterische Techniken. Einige zogen in die Berge oder in die Einöde, um sich selbst zu finden. Jesus zog beispielsweise in die Wüste, ebenfalls auf der Suche nach Erleuchtung und Klarheit. Manch einer mochte auf diese Weise Erfolg verbuchen haben, doch die meisten zogen sich enttäuscht in ihr altes Leben zurück und schlossen mit der Suche ab oder sie suchen noch heute geduldig nach dem richtigen Weg.
Doch nun Angesicht zu Angesicht mit dem Tarner schien es mir, als würde ich all die Dinge deutlich vor mir sehen und genauestens wissen, um was es bei der ganzen Sache ging. Ich erkannte, wie er dachte! Ich fühlte es mit jeder Pore meines nicht vorhandenen Körpers. Er betrachtete unser Leben und seine Existenz als ein gigantisches Spiel. Er war der Wächter zu Level 2! Seine Aufgabe war es, jeden Menschen auf Level 1 zu halten, ohne jede Ausnahme. Das war seine oberste Direktive, seine Lieblingsspielregel. Nur wer lernte, genau so zu denken wie er, der könnte Level 1 lösen und zu Level 2 aufsteigen. Nun verstand ich, dass wir Suchenden allesamt den gleichen Fehler begangen hatten! Die Suchenden hatten ihren Weg voller Ernst verfolgt und das große unerreichbare Ziel auf eine entfernte Zukunft projiziert. Sie wollten nur das Ziel erreichen und so strengten sie sich an, um ein weiser Mann, ein Zauberer, ein Krieger, ein Medium, ein Wissender, ein Guru oder ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen zu werden, oder was auch immer, aber hier an diesem Ort mit dem Tarner vor meiner Nase erkannte ich, dass es nur eine einzige Möglichkeit gab, Level 2 zu erreichen: Ich musste zum infantilen Spieler werden, so, wie er auch einer war. Ein Spieler, verrückt, kindlich, gegenwärtig, flexibel und humorvoll.
Ich fragte mich, wie es denn dazu kommen konnte und kurz darauf rasten schon die nächsten Bilder in meinen Kopf… Wie ein an mir vorbeirasender ICE erblickte ich nur kurz die aufflackernden Szenen. Sie waren so zahlreich, dass ich sie kaum festhalten konnte. Mit aller Konzentration versuchte ich wichtige Eckpunkte festzuhalten und sie mir zu merken.
Wenige Momente später saß ich auf einem Baumstamm. Der alte Mann lief in mein Blickfeld und schien Holz zu sammeln.
“Ach, da bist du ja wieder”, meinte er.
Ich begrüßte ihn und er legte das Holz zur Seite und setzte sich auf den Boden, sein Rücken gegen einen Baum gelehnt.
“Ich kann es einfach noch nicht glauben, was ich gerade gesehen habe”, erklärte ich.
“Wenn du darüber sprechen willst…”, bot er mir an.
“Es ist unglaublich! Das ist so irreal, das wird mir doch niemand glauben!”
“Ich weiß! Die Wahrheit ist so unglaublich, dass sie niemand glauben wird. Aus dem Grund glauben die Menschen auch lieber den Lügen, die sie kennen. Das ist viel leichter.”
Ich nickte: „Wenn ich für den Moment alles vergesse, was ich jemals gelernt habe, all die Dinge aus der Schule, von meinen Eltern und Freunden, dann kann ich das alles einfach wegwerfen! Es ist völliger Blödsinn! Man kann es maximal für den Alltag gebrauchen, um damit ein paar Grundregeln zu lernen, damit der Körper versorgt wird. Alles andere ist unwichtig und geradezu irreführend!“
“Richtig”, entgegnete der alte Mann und grinste breit. “Nun bist du an diesem Punkt angelangt. Du hast die Erkenntnis gefühlt, stimmt‘s?”
“Oh ja! Sie war so nah! Ich konnte so Vieles fühlen, auch wenn ich nicht alles behalten konnte. Trotzdem habe ich genügend gesehen, um nun zu wissen, was hier, und auch dort drüben, überhaupt läuft! Ich kann jetzt nicht sagen, dass ich nicht schon Ähnliches vermutet hätte, aber das war alles überwiegend Theorie! Es war ein philosophisches Gerüst, ein Weltbild mit Lücken, zusammengeschustert aus einigen Erfahrungen, die wie lose Enden im Raum herumflatterten, doch nun wird mir so Vieles klar. Ich kann mir viele Dinge erklären, die mir vorher noch konstruiert schienen.”
“Du hast an der Erkenntnis schnuppern dürfen. Man könnte sagen, du hast mit den Fingern geschnippt!”, rief er und lachte. “Doch du musst all dieses Wissen noch zu deinem Klon bringen”, ergänzte er.
“Ich weiß! Man bin ich froh, dass es den Klon gibt! Wer immer sich das hat einfallen lassen, gehört geknutscht!”, meinte ich.
Der alte Mann lachte und griff sich einen Zweig, der neben ihm auf den Boden lag und spielte damit herum: “Das kannst du laut sagen. Ohne ihn wirst du niemals siegreich sein – auch wenn er nur eine sehr begrenzte Kopie deiner selbst ist. Du benötigst den Klon, damit du ihn zurücklassen kannst. Ohne seine Anwesenheit auf Erden, darfst du hier nicht fort. Die oberste Spielregel lautet, dass du eine Kopie deiner selbst erschaffen musst, damit sie für die Welt zurückbleibt. Diese Kopie besteht aus den Erinnerungen dieses Lebens. Du hast vor langer Zeit dieses Leben, das du führst, schon einmal geführt. Doch du durftest die Alltagsrealität nicht verlassen, weil dir die Spielregeln nicht klar waren. Nun hast du viel dazu gelernt und hast erkannt, dass du ohne eine Kopie deiner selbst nicht weg kannst!”
“Ja, das habe ich deutlich gesehen. Jeder Mensch arbeitet an dieser Kopie seiner selbst. Natürlich ist es ihnen völlig unbewusst, wie alles andere auch, aber der Spieler arbeitet daran, der, der ich jetzt bin.”
“So langsam verstehst du die Zusammenhänge. Du bist einst aus fernen Dimensionen hierher gekommen und hast dem Spiel auf dem Planeten Erde, oder soll ich sagen, der irdischen Raumzeitillusion, zugestimmt. Bedingung war, völlige Akzeptanz der Spielregeln. Du hast die Herausforderung angenommen. Daran besteht kein Zweifel. Und nun hast du ein Problem! Wenn du es nicht schaffst, hier rauszukommen, wirst du ewig hier bleiben…”
Im Geiste ging ich die Spielregeln durch, die ich sehen konnte, als ich dem Tarner begegnet war:
Regel 1: Jeder Spieler ist verpflichtet, seine gesamten Erinnerungen an sein wahres Selbst auf Eis zu legen. Ein Zugriff auf die Erinnerungen wird erst wieder gewährt, sobald die Level, d.h. die unterschiedlichen Spielebenen, gelöst wurden.
Regel 2: Jeder Spieler verpflichtet sich dazu, so lange zu bleiben, bis er das komplette Spiel gelöst hat. Wenn nötig muss er sich dafür immer wieder neu verkörpern (s. Reinkarnation).
Regel 3: Jeder Spieler ist verpflichtet, eine Kopie seiner selbst anzufertigen, um die Tarnung für die anderen Spieler aufrechtzuerhalten. Nur durch die Schöpfung einer Kopie und die Lösung der Spielebenen ist es dem Spieler möglich, sich aus dem Tarnungssystem zu entfernen.
Regel 4: Der Tarner bzw. das innere Kind ist dazu verpflichtet, den Spieler auf Spielebene 1 zu halten, bis er alle Forderungen erfüllt hat, um dem Tarner gegenüberzutreten und sich auf den Kampf vorzubereiten, der ihm bevorsteht. Gewinnt er den Kampf gegen den Tarner, erreicht der Spieler die Ganzheit seiner selbst zurück. Tarner und Spieler verschmelzen, die Ganzheit wird wiedererlangt.
Regel 5: Gelingt es dem Spieler während seiner Lebenszeit innerhalb der Raumzeitillusion nicht, die erforderlichen Spielebenen zu absolvieren (s. Tod), ist er verpflichtet, bei Null anzufangen. Alles gesammelte Wissen wird ihm genommen und muss neu erlangt werden (s. Wiedergeburt). Erreichte Erfahrungspunkte werden gut geschrieben, im nächsten Leben übernommen und es kann über die Intuition darauf zugegriffen werden.

Ich hoffe, dass ich die Spielregeln korrekt erinnert habe. Sicherlich gab es noch die eine oder andere Regel, die ich vergessen habe oder dass sie im Detail ein wenig anders erklärt wurde, doch möchte ich behaupten, dass diese fünf Regeln ziemlich gut von mir, dem Klon, erinnert worden sind.  Die Erfahrung ist noch viel länger und der zweite Teil folgt in Kürze…

— Teil 2 folgt —

Share:

5 Kommentare zu “Suche nach Erleuchtung: Des Tarners Regeln (Teil 11)

  1. Der Meister sprach zu einer Gruppe von Jüngern:
    „Das ganze Universum ist aus dem GEIST hervorgegangen. Sterne, Steine, Bäume und Menschen bestehen aus derselben Einen Substanz: GOTT. Um eine mannigfaltige Schöpfung ins Leben zu rufen, musste der Herr jedem Ding den Anschein von Individualität verleihen. Wir würden des irdischen Schauspiels bald müde werden, wenn wir erkennen könnten, dass es nur eine Person ist, die das Stück herausgibt, das Manuskript schreibt, das Bühnenbild malt, Regie führt und alle Rollen spielt. Der Meister-Dramatiker hat im ganzen Kosmos eine unvorstellbare Erfindungsgabe und unerschöpfliche Vielfalt an den Tag gelegt – es ist Sein Spiel, Sein Zeitvertreib. Er hat dem Unwirklichen scheinbare Wirklichkeit verliehen. Er hat das Recht, sich in zahllosen Formen auszudrücken, wenn er es so wünscht. Für den Menschen kommt es vor allem darauf an, dass er die Täuschung durchschaut. Wenn Gott sich nicht in die Schleier der Täuschung hüllte, gäbe es kein Kosmisches Schöpfungsdrama. Wir dürfen Versteck mit Ihm spielen und nach Ihm suchen, bis wir Ihn finden und den Großen Preis gewinnen.”

    (Paramahansa Yogananda)

    Ich freue mich auch schon auf Teil 2.

    Liebe Grüße
    Sylvia

  2. Hallo Jonathan

    Die Kopie die man im ersten Level erschafft ist mit der Rekapitulation zu erreichen, weil die besteht ja aus Erinnerungen?

    Sehr vieles ist sehr ähnlich wie in den Büchern von Castaneda, auf der Alte Mann den du triffst, erinnert mich an die Bücher.

    Der Tarner ist so mit unser Doppelgänger, oder was ist genau der Tarner?

    Wenn man den Level 1 verlässt, verschmelzen der Tarner und du, der den Tarner eine Kopie dargestellt hat, zu eins, aber was ist das was mit dem Tarner verschmilzt, das wache Ich?

    Und der Klon ist der Körper mit dem Ego?

    :) Hofe du antwortest…

    Gruss

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.