Erinnerungen: Wenn ein Jugendfreund stirbt

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‘Erinnerungen’ ist eine neue Rubrik, in der ich gelegentlich eine Anekdote aus meiner Vergangenheit erzähle. Dabei ist mir eigentlich nur wichtig, dass es einen denkwürdigen Moment, eine interessante Begegnung oder Begebenheit beinhaltet, die durchaus mystisch, verworren, amüsant, verrückt oder sonst etwas sein kann. Persönliche Angaben, Zeit und Orte werden nicht angegeben, die Namen sind verändert.

Mein Freund Ronald war mit seinen frischen 18 Jahren ein richtiger Rebell. Allzu gern trug er verwaschene Jeans und eine ebenso abgetragene Jeansjacke. An seinen Ärmeln befanden sich der eine oder andere aufgenähte Sticker mit einem Totenkopf und ebenso die berühmte Leckzunge von den Stones. Er hätte viel mehr in die 70er Jahre gehört als in die 80er. Vor der Tür stand sein neues Motorrad, mit dem er allzu gern die Straßen unsicher machte.

Wir saßen gerade in meinem Zimmer und hörten Musik. Aus den Lautsprechern hämmerte die Band Ultravox.

“Kommst du am Wochenende mit zum See? Wir wollen dort zelten”, fragte er mich gerade heraus.

“Ich weiß nicht”, entgegnete ich. “Ich glaube, dafür ist es mir noch ein bisschen zu kalt. Wir haben März oder so, da herrscht nachts bestimmt eine Grabeskälte. Ne, lass mal.”

“Ach komm! Du hängst doch nachts auch auf dem Balkon rum und guckst mit deinem Fernglas in die Sterne. Da ist es dir auch nicht zu kalt.”

Na ja, eigentlich hatte er schon Recht mit dem, was er als Argument vorbrachte.

“Aber da kann ich jederzeit reingehen und mich in meinem warmen Bett wieder aufwärmen. Beim Zelten geht das nicht, da hängt man dann nachts ab und muss warten, bis es wieder wärmer wird”, erklärte ich.

Er lachte über meine Antwort, aber so schnell wie er mit dem Thema begonnen hatte, so schnell hatte er es auch wieder vergessen. Er erwähnte den Ausflug mit keiner Silbe mehr.

“Weißt du, was ich letztens gemacht hab?”, fragte er mich.

“Nein.”

“Ich mach ja grad Praktikum, und gegenüber von dem Büro, wo ich arbeite, gibt es ein anderes Bürogebäude mit einem Gerüst davor. Ich hab zufällig aus dem Fenster gesehen, wie gegenüber jemand Geld in eine Kasse gelegt hat. Als die drüben ihre Mittagspause hatten, bin ich über das Gerüst in das Büro eingestiegen und hab die Kasse geklaut!”

“Ne, oder?”, fragte ich überrascht. “Hast du sie noch alle? Und das am helllichten Tag!”

“Mein Gott, mich hat doch keiner gesehen! Es hat sich aber gelohnt! Es waren so 120 DM drin”, meinte Ronald angeberisch.

Ja, so war er! Ein Rebell und Gauner, aber ich mochte ihn trotzdem. Die Frauen flogen ausschließlich auf ihn. Seine Vorbilder waren James Dean und Bruce Lee. Das sagte eigentlich alles über ihn aus. Nur zu gern schleppte er mich ins Kino, um diese Filme anzusehen, dicht gefolgt von den Mädels, die auf seine kalte, rücksichtslose und gaunerische Art standen. Für ihn hatten gesellschaftliche Regeln kaum Bedeutung und er liebte es, sie zu brechen. Normalerweise hätte ich mich nicht mit ihm angefreundet, aber wir kannten uns bereits seit der Kindheit und hatten buchstäblich schon im Sandkasten miteinander gesessen.

James Dean war einer jener Jugendhelden, die mit ihrer aufrührerischen Art Gangs leiteten, sich mit der Polizei herumschlugen und Autos klauten. Das war eigentlich sein größtes Idol in dieser Zeit. An Bruce Lee genoss er vielmehr die Kampfszenen, in denen er sich selbst mit diesen erstaunlichen Fähigkeiten wiederzufinden versuchte. Zwar hatte er nie eine derartige Kampfausbildung genossen, aber er spielte gern mit asiatischen Waffen herum. Somit war es schon mal an der Tagesordnung, dass er Ninja-Wurfsterne oder ein Nun-Shako auf den Tisch packte, während man sich fragte, wie er in seinem Alter an all diese verbotenen Gerätschaften herangekommen war.

Ich war von seiner Diebesaktion nicht gerade begeistert und teilte ihm das auch mit. Doch was ich ihm auch dazu sagte, er ignorierte es einfach. Später verabschiedeten wir uns und er wollte noch einiges für den Campingausflug organisieren. Sicherlich würde er dafür nicht einen Pfennig zahlen.

Am Sonntagvormittag saß ich gerade am Wohnzimmertisch beim Frühstück. Der Fernseher lief und es war gerade mal 11 Uhr. Mit meinen unschuldigen 16 Jahren war es an diesem Samstagmorgen noch ziemlich früh. Das Frühstück fand ziemlich häufig bei Zeiten statt, an denen andere das Mittagessen einläuteten. Plötzlich läutete das Telefon. Ich nahm den Hörer ab und meldete mich mit meinem Namen:

“Dilas.”

“Hallo Jonathan? Hier ist Klara… Du musst sofort herkommen!”

“Was ist los?”, hakte ich nach.

“Ronald ist tot!”, schluchzte sie ins Telefon.

“Wie bitte? Wo seid ihr? Ich komm sofort!”

Klara war Ronalds derzeitige Freundin und sie nannte mir gleich den genauen Ort. Ich rief daraufhin sofort einen Freund an, der einen alten, klapprigen Käfer besaß und mich zu dem See fuhr.

Dort angekommen sah ich einige Polizisten und zwei Personen in einem Taucheranzug über die Straße watscheln. Dort erwarteten mich auch schon einige seiner Freunde und Klara fiel mir weinend um den Hals. Sie stammelte irgendwelche Sätze vor sich hin. Scheinbar versuchte sie mir zu erklären, was passiert war. Dann folgte Christian und stand in Badekleidung sowie einer Decke, die über seine Schultern vor mir. Er zitterte am ganzen Körper und erklärte mir genau, was vorgefallen war:

“Ronald und ich hatten uns von ein paar Leuten ein Schlauchboot geliehen, die ebenfalls auf dem Zeltplatz waren. Wir sind dann damit auf dem See herumgefahren. Dann kamen wir an die Schleuse heran und als wir dort hingepaddelt waren, fiel plötzlich eins der Paddel ins Wasser. Ich habe versucht, an das Paddel heranzukommen, aber es trieb immer mehr zur Schleuse hin. Ich trug nur ein Shirt und eine Badehose, aber Ronald hatte seinen Motorradanzug an, den er gern trug, wenn er mit seinem Bike  herumfuhr. Und dann sprang er ins Wasser, um das Paddel zu holen. Doch anstatt an das Paddel heranzukommen, zog ihn plötzlich irgendwas nach unten! Ich dachte, dass es die Kleidung war, die sich mit Wasser vollgesogen hatte und ihn hinunterzog, also sprang ich hinterher, um ihm zu helfen. Doch auch ich wurde nach unten gezogen. Unten im Wasser landete ich auf einem Gitter und musste erkennen, dass dort eine Süßwasserpumpe war, die Wasser ansog und filterte. Die Pumpe hat uns daraufhin sofort beide hinuntergezogen. Ich wusste zum Glück, wie man aus einem Strudel herauskommt und konnte mich am schmalsten Punkt seitlich abstoßen und fortschwimmen. Ronald hingegen kam nicht mehr von der Pumpe weg und ertrank…”

Ihm standen die Tränen im Gesicht. Es war offensichtlich, dass er sich verantwortlich dafür machte, dass er Ronald nicht hatte retten können. Doch irgendwas verschwieg er mir, so sagte es mir mein Gefühl.

Klara und Christian zeigten mir daraufhin die Stelle, an der Ronald ertrunken war. Von einer Brücke aus konnte ich hinunter auf die Unfallstelle blicken. Ein leicht unangenehmer und abgestandener Geruch stieg mir in die Nase. Vermutlich stammte er von der Pumpe, so schlussfolgerte ich. Von oben sah das Wasser ziemlich harmlos aus, aber es gab Warnschilder, die darauf hinwiesen, hier nicht schwimmen zu gehen. Neben dem Geruch konnte ich so eben noch das Geräusch der Pumpe wahrnehmen.

Während ich dort stand, kam Christian näher zu mir, als Klara kurz zu einer ihrer Freundinnen gegangen war.

“Ich muss dir was sagen!”, begann er zu sprechen. “Du darfst es aber niemandem erzählen! Versprich es mir! Andernfalls sage ich es dir nicht.”

“Ist okay, ich werde es für mich behalten. Versprochen.”

“Als wir in dem Boot waren und kurz bevor er ins Wasser sprang, hatte er sich noch einmal zu mir umgedreht und gesagt: ‘Ich habe keinen Bock mehr auf das Leben! Kommst du mit?”

“Das hat er gesagt?”, fragte ich nach.

“Wirklich, ich schwöre es dir! Nur kann ich das keinem erzählen. Du bist der Einzige, dem ich es anvertrauen kann. Die anderen bringen mich um und werden mich einen Lügner schimpfen. Du hast für solche Dinge Verständnis und glaubst auch an übernatürliche und seltsame Dinge. Und als ich ihm dann mitteilte, dass ich mein Leben noch nicht satt hätte, sprang er ohne zu zögern ins Wasser. Er wusste also genau, dass es gefährlich war.”

Ich legte meinen Arm um seine Schultern und meinte zu ihm, dass er sich somit wirklich keinen Vorwurf machen müsse, was passiert war.

Die Polizei verschwand, die Taucher hatten Ronalds toten Körper erfolgreich bergen können und zogen sich gerade um. Langsam löste sich der Tumult auf.

In der Nacht lag ich in der Dunkelheit in meinem Bett und dachte über das ganze Ereignis nach. Etwas Mondlicht fiel durch das Fenster ins Zimmer und ich konnte die Gegenstände im Raum nur schemenhaft wahrnehmen. Ich fragte mich, warum Ronald sich für den Tod entscheiden hatte und dann dermaßen bewusst. Der Schauspieler und die Kultfigur James Dean starb beispielsweise sehr jung in einem Autounfall. Zwar war er nicht so jung gestorben wie Ronald, aber es schien ebenso ein Unfall gewesen zu sein. Ich dachte darüber nach, inwiefern Deans Unfall ein solcher überhaupt gewesen war. Vielleicht hatte er es ebenfalls als einen Unfall aussehen lassen. Wer kann dies schon mit Sicherheit sagen? Der einzige Zeuge, dass Ronalds Unfall eigentlich kein solcher war, war nun einmal Christian und dieser konnte dieses Geheimnis niemandem anvertrauen.

Während ich also darüber nachdachte, bemerkte ich plötzlich einen seltsamen Geruch, der mir in die Nase stieg. Irgendwie kam mir der Geruch bekannt vor! Fieberhaft dachte ich darüber nach und versuchte, diesen unangenehmen Duft einzuordnen… Mit einem Mal fiel es mir ein! Genau so hatte es gerochen, als ich mich an der Brücke über die Unfallstelle gebeugt und nach unten geblickt hatte! Als ich dies erkannte, lief mir eine heftige Gänsehaut über den Rücken. Mehr noch, denn nun vernahm ich sogar das Geräusch der Süßwasserpumpe. Ich hörte sie deutlich mit ihrem unermüdlichen Rhythmus vor sich hinpumpen…

Mein Herz raste. Für einen winzigen Augenblick dachte ich tatsächlich, eine schemenhafte Gestalt in meinem Zimmer wahrzunehmen, aber im selben Moment verschwand sie schon wieder. Langsam tastete meine Hand zum Lichtschalter meiner Lampe und als ich sie einschaltete, war der Spuk mit einem Mal verschwunden.

Es war ein wirklich gruseliger Moment gewesen.

Seit dieser Nacht vergingen viele Jahre und manchmal tauchte er am Rande des einen oder anderen Traumes auf. Erst im Mai 2007 begegnete ich ihm direkt in einem Traum innerhalb einer längeren Begegnung. Er tauchte in meinem Schlafzimmer auf und führte mich auf eine Landstraße. Dort gab es eine sehr lange Straße, die bis ins Unendliche zu führen schien. Mit einer Handbewegung zauberte er plötzlich zwei Motorräder herbei, die abfahrbereit auf uns warteten. Wir setzten uns auf die Bikes und rasten mit einer unglaublichen Geschwindigkeit los. Es war eine atemberaubende Rennfahrt über eine endlose Landstraße, vorbei an Wälder und Wiesen inmitten der Nacht. Plötzlich gabelte sich die Straße ziemlich abrupt und wir fuhren spontan links herum. Diese Straße führte in Richtung einer Brücke, aber wir mussten hart abbremsen, denn die Brücke brach mit einem Mal ab. Wir stiegen von den Motorrädern herunter und gingen bis zum Ende der zerstörten Brücke. Uns bot sich ein zauberhafter Anblick auf einen riesigen, dunklen See. In der Ferne erkannte ich in der Dunkelheit auf der rechten Seite eine Stadt mit nur wenigen Lichtern. Wir standen eine ganze Weile dort und schwiegen. Die Motorradfahrt war herrlich gewesen und nun dieser wundervolle Ausblick auf den See geradezu unvergesslich.

 

4 Kommentare zu “Erinnerungen: Wenn ein Jugendfreund stirbt

  1. Hallo, Jonathan
    vielleicht wollte er Dich bei seinem Tod in der Nähe haben und hat Dich deswegen gefragt, ob Du mit zelten würdest der Schlingel ;-)
    dass sich ein Junge das Leben nimmt, auf den die Mädchen fliegen, ist ja eher ungewöhnlich.
    Ich hatte auch ein bisschen Gänsehaut beim Lesen :)

    LG, Uwe

  2. Hallo Uwe,
    danke für Deinen Kommentar.
    Daran hatte ich auch schon gedacht.
    Ich glaube, Frauen waren ihm nicht sonderlich wichtig. Es war zwar cool mit ihnen zu schlafen, aber Beziehungen wollte er keine und liebevoll behandelt hat er sie auch kaum. ;-)
    Liebe Grüße, Jonathan

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