WGT 2011 – Wave-Gotik-Treffen

jonathan dilas, WGT 2011, wave-gotik-treffen 2011. gothics, steam punk, punks, grufties, leipzig, schwarz, cybergoths, vampires, new wave, viktorianische gothics, fotos, fotografIst es die Hölle oder sind es die Schergen Satans, die mir am Freitag am Leipziger Bahnhof entgegen kamen? Nein, es ist  Wave-Gotik-Treffen, das jedes Jahr in dieser nostalgischen Stadt in Dunkeldeutschland stattfindet. Dieses Mal hatte ich dem  Fotografen in mir versprochen, unbedingt an diesem großen Treffen teilzunehmen…

Nach 6,5 Stunden Zugfahrt also endlich in Leipzig angekommen! Eine gute Freundin hatte sich bereiterklärt, mich zu begleiten. Ich hoffte, sie wusste, worauf sie sich eingelassen hatte. Der Schrank gut durchforstet und inspiziert, um sich dem Anlass entsprechend in Schale zu werfen. Und das Wichtigste für diese Reise überhaupt: Die Kamera!

Ich wollte richtig viele Fotos machen und ebenso viele Gothics, Cybergoths, Victorians, New-Waver, Steam-Punks, Punks, Bat Caves und Vampires u.v.m. fotografieren. Natürlich war ich ein Fremder in Leipzig. Noch niemals dort gewesen und ich muss zu meiner Schande gestehen, meine erste Reise nach Dunkeldeutschland… Jedenfalls passt die Bezeichnung sehr gut, wenn man an das Motiv der Reise denkt.

Vor dem Bahnhof konnte ich schon sehr viele Gothics sehen und viele von ihnen stellten sich vor einer kleinen Blechhütte in einer Schlange auf, um an das begehrte Armband zu kommen! Dieses lilafarbene Armband verschafft einem Zutritt zu allen Bereichen, Konzerthäusern, Hallen und Mittelaltermärkten, die sich zum WGT 2011 angemeldet haben. Vor mir befanden sich vier Waver mit einem mit Totenköpfen bespickten, alten Kassettenrekorder aus welchem “The Voice” von Ultravox aus den 80ern hämmerte. Vor ihnen eine vielleicht 50jährige Frau, die eine von der Musik verunsichterten Katze einem Hund gleich an die Leine gebunden hatte und sich irritiert umschaute.

Es war natürlich voraus zu sehen! Sämtliche Hotels waren vom 10.6. bis zum 14.6. bereits im März ausgebucht gewesen und nur noch wenige Zimmer standen in den Nobelhotels zur Verfügung. Ein Zimmer für 123 Euro pro Nacht musste dann schon sein, wenn man sich nicht auf dem Zeltplatz herumdrücken wollte. Bereits am Hoteleingang standen ein schwarzer Mercedes, ein Porsche und andere Gerätschaften dieser Art und demonstrierten protzend, dass sich hier vornehme Leute trafen. An der Pforte wurde ich dann gleich mit “Sir” angesprochen und gefragt, ob das Gepäck von einem Hotelangestellten auf das Zimmer gebracht werden solle…

Das Hotelzimmer war sehr dunkel gehalten und elegant eingerichtet, sehr männlich orientiert, wie ich fand. Flauschiger Teppich, riesiges Bett mit weißen Laken und lila Kissen. Ein schwarzer Schreibtisch mit Bürostuhl, darüber gleich ein 42-Zoll Flatscreen. Ein Tisch und davor ein sehr bequemes, braunes Sofa, auf dem man sehr schnell entspannen konnte. In der Minibar ließen sich alle möglichen Getränke entdecken, eine Espressomaschine, Süßigkeiten, Knabbereien und dergleichen. Das Bad besaß zwei Türen, die in die Dusche und zum WC führten und auf denen Texte von Goethes Faust gedruckt waren.

Nachdem ich mich eingelebt hatte, wurde versucht, erst einmal meinen Plan herauszukramen, auf dem die Veranstaltungen standen, die mich irgendwie angesprochen hatten, aber wie es manchmal so ist, findet sich nicht immer alles auf Anhieb. Also blieb mir nichts anderes übrig, als einfach mal zum Bahnhof zu gehen und in die nächstbeste Straßenbahn zu steigen, in der sich die meisten Gothics befanden. Diese lange und stickige Fahrt führte zur Agra-Halle. Ein riesiges Gebiet, in der mehrere Hallen standen und in denen Konzerte stattfanden. Vor den Hallen gab es viele Stände, wie auf einem Mittelaltermarkt, an denen man Getränke und Imbisse erhielt. Standardisiert sind hier immer Met, Bier, Cola neben Würstchen, Fleischspieße, Pommes und Fladenbrote. Eigentlich war ich gar nicht an einem Konzert interessiert, lieber viele Fotos machen.

So vertrieb man sich die Zeit mit Nahrungsaufnahme und Fotografieren. Manchmal hielt ich die Personen sogar an, damit ich ein Foto machen konnte. Manche Schnappschüsse möchte man sich dann einfach nicht entgehen lassen. Obwohl man hier auf Menschen trifft, die mit ihren Stachelhalsbändern, Gasmasken, Irokesen-Frisuren, Strapsen, Springerstiefeln, Leder und anderen spacigen Outfits zuweilen auch gefährlich aussehen können, waren sie durchweg sympathisch. Nicht einer von ihnen hat meinem Wunsch nach einem Foto abgelehnt.

Auf den Straßen entdeckte man auch immer wieder Leute, die sich auf Stühlen vor ihre Häuser setzten und sich einen Spaß daraus machten, das schwarze Volk zu beobachten und über ihre Outfits zu diskutieren. Manche sahen schon ziemlich auffällig aus: Gasmasken mit einem Mundschutz aus langen Stacheln, Ledercorsagen, die die Brüste freigelegt hatten und nur schlichtes Panzerband über die Brustwarzen gezogen wurde, Miniröcke, die so kurz waren, dass man spielend einfach den Slip darunter sehen konnte… wenn denn mal ein Slip getragen wurde. Doch neben diesen Hardcore-Varianten gab es auch sehr schöne Outfits im japanischen Lolita-Style oder märchenhafte Kleider mit schön geschminkten Gesichtern sowie edle, aristokratisch-viktorianische Gothic-Ballkleider.

Nach der Agra-Halle ging es in das Heidnische Dorf. Ein großer Mittelaltermarkt mit Musik, Ständen und vielen Menschen, die vorwiegend diesen Raum nutzten, um das Flair und die Atmosphäre des Mittelalters nacherleben zu können. Heidnisch war das Dorf in jedem Fall, wenn nicht gar sodomisch, denn bereits am Eingang stieß ich auf zwei Frauen in Lederkleidung und Miniröcken, von der eine eine Kette in der Hand hielt, die am Hals ihrer Freundin befestigt war. Als ich ein Foto machen wollte, musste die Freundin mit dem Halsband direkt auf die Knie und ihre Herrin um Gnade anwinseln… Wofür war mir nicht gerade ersichtlich, vielleicht weil sie nicht schnell genug für das Foto auf die Knie gegangen war. Ich weiß es nicht.

Um 22 Uhr war ich jedoch so müde, dass ich nur noch ins Bett wollte. Am anderen Morgen fand ich endlich meinen Plan wieder und musste erkennen: Ich hatte das viktorianische Picknick verpasst! Dort treffen sich die eher aristoktatischen und elitären Gothics im Clara-Zeltkin-Park in Leipzig und ist natürlich der Geheimtipp für Fotografen! Das fing ja schon einmal gut an!

Nach dem umfangreichen Frühstück, wie ihn ein “Sir” nur zu sich nehmen konnte, entschloss ich mich, die Werkhalle, das Absinth-Café und die Moritzbastei aufzusuchen. Alles Plätze, an denen man viele Gothics antreffen konnte. Kontakte sind schnell gemacht, da viele bereits nachmittags in lockerer Alkohollaune sind und Personen, die in der Nähe stehen, flugs in die Diskussion miteinbeziehen – ob man nun möchte oder nicht.

An der Moritzbastei blieb ich dann hängen, denn dort trieben sich viele Fotografen herum und es war einfach, einige Fotos zu machen. Dort sind ebenfalls ein Mittelaltermarkt und mehrere Cafés zu finden. Plötzlich traten mir drei Personen im Vampire-Outfit entgegen. Eine Frau unter ihnen, sehr umfangreich und wohl beleibt, sprach jedoch nur Leute an, die völlig normal gekleidet waren, ob sie diese mal fotografieren dürfte. Ich wunderte mich, denn was gab es ihnen schon besonderes zu fotografieren? Doch ihr Freund gab einen Kommentar von sich, der mit einem Mal ihre Motivation offenbarte: “Hast du denn immer noch nicht genug Fotos für Deine Speisekarte, Schatz?”

Speisekarte was das Stichwort! Danach ging es in den Auerbacher Keller. Ein hübsches und großes Restaurant, in welchem bereits viele Schriftsteller der heutigen Zeit und der Renaissance gespeist hatten. Dies durfte ich mir doch nicht entgehen lassen! Am Nachbarstisch entdeckte ich eine Familie, Vater, Tochter und Sohn, im wirklich gelungenen Gothic-Outfit. Der Höhepunkt war sicherlich der ca. sechsjährige Sohn, der eine unheimliche Ausstrahlung besaß.

Neben vielen Konzerten, die man hätte aufsuchen können, gab es am Abend noch einen Höhepunkt: Die Fetisch-Party. Als ich dort ankam, erblickte ich die längste Menschenschlange, die ich jemals in meinem Leben erblickt hatte! Sie war über 100 Meter lang und führte in ein riesiges Gebäude, das im griechischen Klassizismus-Stil stolz gen Himmel ragte. Nach 20 Minuten jedoch standen wir bereits vor dem Eingang, als sich mir eine Wächterin in den Weg stellte! Sie hatte bereits viele hundert Personen daran gehindert, an der Party teilzunehmen. Und trotz meines schwarzen Outfits und abgewetzter Lederjacke beäugte sie mich missbilligend und meinte, was ich denn schon zu bieten hätte, dass ich zu dieser Party eingeladen wäre?  Hier herrschte also absoluter Dresscode und ausschließlich Personen mit ausgefallenen Outfits durften eintreten. Nun gut, dachte ich, ich war auch nur neugierig gewesen und hätte gern einmal ein wenig zugeschaut, was da so vor sich geht.

“Schade”, meinte ich zu meiner Begleierin, “hätte ja gern mal reingeschaut…”

Meine Begleiterin entgegnete dann mit trockenem Humor: “Was hast du erwartet? Ich bin nur ein Fake und du ein Voyeur!”

Am letzten Tag gab es noch einen Tripp in den Leipziger Zoo und eine kleine Reise nach Weimar, einer der Lieblingsstädte Goethes. Dort kann man das Goethehaus und andere Bauten bewundern. Eine kleine, kuschelige Stadt mit Kutschen und einigen Ecken, die einen leicht ins 18. Jahrhundert entführen können.

Im Großen und Ganzen eine spannende und schöne Reise.

Matrixblogger

Author: Matrixblogger

Der Matrixblogger ist Autor, Bewusstseinsforscher, Berater und Blogger, hat bislang neun Bücher veröffentlicht und ist bekannt aus Fernsehen, Radio, Interviews, Vorträge, Literaturwettbewerben, Workshops und vielen anderen Aktivitäten. Seine Interessen gelten der Bewusstseinserweiterung, außerkörperliche Erfahrungen, luzides Träumen und die Aktivierung der Zirbeldrüse.

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7 Antworten für “WGT 2011 – Wave-Gotik-Treffen”

  1. Hera says:

    hallo jona! wenn ich das so les würde ich auch gern hinfahren obwohl das nicht mein ding ist. ich wär auch als fake nicht durch gekommen!;) aber sind coole fotografien die geschossen hast! lg hera

  2. Peter says:

    Hallo Jonathan,

    echt gut, dass du deine Kamera nicht vergessen hast. Deine Bilder sind zum Fürchten schön! Jedes Bild eine Legende. Bleibt zu hoffen, dass es mehr Mimicry ist als ernst gemeint, sonst möchte ich nicht in deren Himmel aufwachen ;-)
    Gruß Peter

  3. andre says:

    “Dunkeldeutschland” ich hoffe es ist nur auf das “Treffen” bezogen.(eine “Pissrinne” in der Stadt zu haben is au net schön :-)))
    Viele liebe Grüsse nach Freiburg

  4. Jonathan Jonathan says:

    Hallo Andre,
    danke für Deinen Kommentar.
    Das hat ja Freiburg auch. Obwohl sie eher von Hunden genutzt wird. ;-)
    Liebe Grüße, Jonathan

  5. Jonathan Jonathan says:

    Hallo Peter,
    nein, nein, das sind alles ganz normale Menschen. Habe ja einige von ihnen mittlerweile kennengelernt und wenn manche zum Fürchten aussehen, so sind sie doch alle ganz lieb. :-) Das sieht man auch beispielsweise an diesem Video HIER und ist ein gutes Beispiel… wenn man es bis zum Ende anschaut.
    Liebe Grüße, Jonathan

  6. Johanna says:

    Gute Impressionen, etwas schade, dass ich bei mir zwar eine Visitenkarte habe und fotografiert wurde, Du es hier aber nicht zeigst. ;-)

  7. Jonathan Jonathan says:

    Hallo Johanna,
    danke für Deinen Kommentar. :-)
    Schick mir doch mal ein Foto von Dir, dann schau ich nach und sende Dir das Foto zu, wenn vorhanden. :-)
    Deine Fotos sind aber auch wirklich klasse! :-) Kann Dich aber darauf nicht sooo gut erkennen, als dass ich Dich unter den 500 Fotos heruasfinden könnte. ;-)
    Liebe Grüße, Jonathan

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