Suche nach Erleuchtung: Sehnsucht (Teil 38)

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Ich stand mit dem alten Mann und einem seiner Padawane am Rande einer Schlucht. Wir befanden uns ziemlich hoch in den Bergen. Links und rechts von mir erblickte ich riesige Felswände. Während wir dort am Abhang standen, blickte ich in die Tiefe. Normalerweise hätte ich aufgrund schwindelerregender Höhen diesen Blick vermutlich nicht gewagt, doch in dieser Situation fiel es mir leicht. Es ging mehrere hundert Meter tief und außer Gestein konnte ich dort nichts entdecken. Selbst der Boden blieb meinem Blick verborgen.

Als sich mein Blick hob, schaute ich in die Ferne und erkannte einige Berge in der Entfernung. Die Bergspitzen stachen majestätisch in den Himmel. Der alte Mann und seine Begleitung schienen sich diese Berge als Ziel vorgenommen zu haben.

“Das ist aber noch ein weites Stück!”, meinte ich. “Wir könnten doch jetzt einfach losfliegen und über das Tal zu den Bergen fliegen. In Windeseile wären wir dort und der beschwerliche Weg über die Felswege erspart…”

Der alte Mann drehte sich zu mir und schüttelte leicht den Kopf:

“Nein, nein, nicht in Windeseile… Es würde Jahrhunderte dauern, bis wir dort ankommen würden. Du schätzt die Entfernungen nicht richtig ein.”

Ich war irritiert. Natürlich lagen die Berge in weiter Entfernung, doch Jahrhunderte hätte ich sicherlich nicht benötigt. Somit entging mir ein wenig der Sinn seiner Aussage. Er müsste doch wissen, dass man im Flug diese Entfernung schnell überbrücken dürfte.

Kaum hatte ich den Gedanken zu Ende gedacht, wurde alles um mich herum dunkel. Die ganze Umgebung erinnerte mich zwar weiterhin an die Felslandschaft, aber sie war nicht mehr sichtbar. In diesem Augenblick besaß ich den unmissverständlichen Eindruck, dass ich mich an einer Art Grenze befand. Es ist schwer auszudrücken, aber diese Grenze schien wie eine Barriere zu sein, die ich nicht überschreiten durfte oder konnte. Doch konnte ich zumindest über diese Grenze hinweg in die Ferne schauen und erblickte ein Meer von Selbsten, das sich mir offenbarte. Sie waren gleichzeitig Realitäten, die in mannigfaltigen Möglichkeiten ihren Ausdruck fanden. Erneut wunderte ich mich, warum der Mensch im Alltag nur einen so geringen Bruchteil dieser Möglichkeiten nutzte und sich so sehr an seine Routinen und bewährten Handlungsweisen klammerte. Hier lagen die Möglichkeiten in den unglaublichsten Formen und Gestalten auf Abruf bereit…

So glitt mein Blick über das gewaltige Meer an Selbsten hinaus und am fernen Horizont nahm ich wieder diese gigantischen Selbste wahr, die wie Städte dahinschwebten. Als ich sie deutlich erkennen konnte, erfasste mich eine unglaubliche Sehnsucht, diese Grenze endlich zu überschreiten, über das Meer mit den Selbsten hinwegzufliegen und mich diesen großen Selbsten anzuschließen. Meine Sehnsucht wurde kurz so stark, dass ich versuchte, diese Grenze zu überwinden, doch es funktionierte nicht. Vermutlich hätte ich dafür sterben müssen, aber selbst das garantierte mir nicht, dass es reichte. In diesem Moment verstand ich die Aussage des alten Mannes… Denn er hatte in dem Moment, als ich so leichtfertig meinte, wir könnten doch eben zu den Bergen hinüberfliegen, hatte er bereits diese gigantischen Selbste gesehen und mir auf diese Wahrnehmung hin geantwortet.

Es ist immer wieder dasselbe. Die Betrachtung einer Situation ist von der Perspektive und der Wahrnehmung abhängig. Dabei geht ein jeder stets mit absoluter Sicherheit davon aus, sein Gegenüber würde das gleiche wahrnehmen. Alles andere kann dann nur ein Trugbild sein… Doch was ist das Trugbild? Die fernen Berge oder die fernen Selbste? Hundert Kilometer oder hundert Jahre?

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