Suche nach Erleuchtung: Der Padawan (Teil 36)

suche nach erleuchtung

Ohne mich lang in den Wahrscheinlichkeitsfraktalen aufzuhalten, befand ich mich auch schon mit dem alten Mann in einer diesmal sehr felsigen Umgebung. Als ich mich umdrehte, konnte ich hinter mir den Wald entdecken, aus dem er gekommen sein musste. Noch immer hatte ich nicht die blasseste Ahnung, was sein Ziel sein mochte. Ich muss zugeben, dass es mich auch nie interessiert hatte. Immerhin waren meine Besuche selten von langer Dauer und ich nahm an seiner langen Wanderung nicht wirklich teil. Meine Besuche waren stets kurz und schmerzlos, wie man so schön sagt. Für wenige Momente spielte ich mit dem Gedanken, ihn danach zu fragen, doch dann verwarf ich ihn wieder. Dennoch spürte ich, dass er meine Gedanken wahrnehmen konnte, aber er ging nicht darauf ein.

Er lächelte und blieb für einen Moment stehen. Dann schaute er sich um, als würde er etwas Bestimmtes suchen. Der Pfad, auf dem wir entlangliefen, war schmal, aber er verlief noch weit an einigen Felswänden entlang.

“Du kommst mich mal wieder besuchen. Das ist angenehm”, meinte er und setzte seinen Weg fort. Ich folgte ihm.

So liefen wir hintereinander diesen Pfad in einem gemächlichen Tempo entlang. Die Sonne stand hoch am Himmel, doch wie warm es nun war, konnte ich nicht sagen. Ich fühlte hier keine Wärme oder Kälte.

“Wie sind deine Fortschritte mit deiner Arbeit?”, fragte er.

Ich wusste, dass er damit meine Traumarbeit, meine Meditationen und Bewusstseinserweiterung meinte. Für uns gab es nichts, das hätte wichtiger sein können. Die persönliche Entwicklung, die Erweiterung des Bewusstseins und die Anstrengungen, immer weiter und tiefer zu erkennen, in welcher Welt man gelandet war, welches die persönlichen Aufgaben sind und wie man dafür sorgte, seine Amnesie zu beseitigen und sich wieder daran zu erinnern, woher man gekommen war und wohin der Weg führt, stand stets an oberster Stelle.

“Es gibt nur einen Sinn, den ein Mensch auf Erden zu erledigen hat und das ist, sich selbst zu erkennen. Dazu sind alle Mittel erlaubt, außer physische Gewalt. Vergiss das nicht.”

“Ja, ich weiß. wichtig allein ist die Selbsterkenntnis, die Belange, Probleme, Konflikte und Interessen des Alltags sind sekundär”, entgegnete ich und nickte grinsend wie ein Padawan.

“Wie kommst du denn mit den Menschen zurecht, jetzt, nachdem du weißt, dass du eigentlich keiner bist?”

Ich hatte in diesem Augenblick den Eindruck, dass er auf meine Erfahrung anspielte, in der ich mein “Zuhause” gesehen hatte und dieses Teil eines anderen Sonnensystems gewesen zu sein schien.

“Ich komme gut mit ihnen zurecht, aber ab und zu neigen doch welche dazu, mich nicht sonderlich gut einzuschätzen.”

Der alte Mann lachte: “Natürlich. Sie fühlen, dass du ein Hybrid bist. Sie wissen, dass du alles bewusst machst, was du tust und dennoch kannst du dich so unbewusst und normal verhalten, wie ein Mensch. Das irritiert sie. Sie können diesen Widerspruch nicht lösen und aus diesem Grund neigen sie dazu, diese fehlende Lücke, die eigentlich in ihrem Bewusstsein existiert, mit anderen Informationen zu ergänzen. Das kann Gefühle aufwerfen, wenn man nicht das Bewusstsein und das notwendige direkte Wissen besitzt, diesen Widerspruch zu klären.”

“Einen Ausweg aus dieser Lage gibt es nicht gerade”, entgegnete ich, “aber ich denke, dass es immer Wege gibt, die man nehmen kann.”

Er nickte zustimmend und blieb wieder stehen, um die Umgebung zu inspizieren. Dabei sprach er weiter, ohne mich anzusehen:

“In meiner Zeit als Lehrer habe ich einige Padawane getroffen, die mich töten wollten, weil ich versuchte, sie zu wecken. Mein Plan war, sie für nur einen Augenblick erwachen zu lassen, um ihre Alltagswelt als das zu erkennen, was sie wirklich ist: ein Traum! Doch sie sind geflüchtet und nie wieder zurückgekehrt. Das Erwachen ist schwierig und eins der schrecklichsten Dinge für den ‘gesunden Menschenverstand’, weil es von einem Padawan wirklich alles abverlangt…!”

Ich musste über das Wort Padawan lachen, weil ich es vorhin gedacht hatte, da ich mir in seiner Gegenwart immer ein wenig so vorkam. Offensichtlich hatte er es telepathisch aufgefangen und nun so verwendet, wie ich es in meinen Gedanken verwendet hatte und verstehe. Ursprünglich stammte dieses Wort aus dem japanischen Mittelalter und ist Teil des Jidai-Geki und bedeutet Schüler oder Zögling der Magie. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurden diese Begriffe sprachtechnisch umgedeutet und die Terminologie überwiegend für die Filmbranche verwendet. Der berühmte Regisseur George Lucas verwendete diese Begrifflichkeiten in abgewandelter Form auch in seinen Star-Wars-Filmen. Darin sind es die Jedi-Meister (jidai), die ihre Padawane in Denken, Fühlen, Sprechen, Psychokinese, Gedankenmanipulation und einiger weiterer parapsychologischer Fähigkeiten unterrichten, damit sie diese später als Lehrer für Frieden, Weiterbildung und Erkenntnis einsetzen mögen. Sie sind jedoch keine Pazifisten und scheuen den Kampf nicht. Aus dem Grund gibt es immer eine Verbindung zu den japanischen Samurais. Ebenso interessant fand ich, dass der alte Mann diesen Begriff ziemlich ansprechend zu finden schien, denn Jidai-Geki bedeutet übersetzt so etwas wie Zeitalter des Bühnenschauspiels und damit machte er eine Anspielung auf unseren Planeten Erde, auf dem sich all die Menschen inkarniert hatten, um an diesem großen Bühnenspiel teil zu haben. Natürlich würde ein Filmkundiger oder eine Suchmaschine im Internet das ganz anders darstellen.

“Der Padawan muss in der Lage sein, sich über seine eigenen Grenzen zu erheben und seine schlimmsten Ängste zu überwinden”, fuhr er fort. “Und du kannst mir glauben, dass die größte Hürde immer man selbst ist. Das Erwachen ist gleichzeitig der symbolische Tod des Padawan, denn er muss über sein eigenes Selbst springen und es gänzlich loslassen. Sobald er symbolisch gestorben ist, macht er sich frei von allen Einflüssen des Verstandes, von festgefahreren Gedankenmustern, anerzogenen Verhaltensweisen und wiederkehrender Konflikte. Jeder Mensch hat einen Verstand, der ihm gegeben wurde, aber dieser Teil ist jener, der nicht in seiner wahren Persönlichkeit existiert. Er ist ein Zusatzmodul aus alten Zeiten, sozusagen ein Artefakt.”

“Aber niemand ist wirklich dazu bereit, sich dem symbolischen Tod zu stellen, denn es gibt keinen Anreiz für sie, das zu tun”, erwiderte ich.

Der alte Mann nickte breit grinsend: “Oh ja! Und das ist der größte Fehler, den sie tun können. Jeder Mensch ist allein aus dem Grund auf den Planeten Erde gekommen, um sich selbst zu erkennen und um sich selbst wiederzufinden. Eine solche verheerende Amnesie, wie ihr sie allesamt auf der Erde erfährt, ist gewaltig. Nicht zuletzt entstand diese Amnesie durch euren Verstand. Sobald der Mensch jedoch beginnt, seinen Verstand anzugreifen oder angreifen zu lassen, wird es ihn spalten und eine Situation erschaffen, welche die Gefühle polarisiert. Der Mensch glaubt, er wäre bereits ganz, aber dies ist ein großer Irrtum! Und um zu erkennen, dass er nicht ganz ist, muss er sich erst einmal teilen. Dann kann er erkennen, dass er nicht ganz ist und verstehen, was ihm zu seiner Ganzheit fehlt. Diese Erkenntnis macht man nicht mit dem Verstand. Überhaupt sind Erkenntnisse mit dem Verstand nicht einzuleiten. Er kann nur die Erkenntnis analysieren und interpretieren, aber nicht erfahren. Erfahren muss es das Selbst, nicht die Rolle, die man in seinem Schauspiel spielt.”

“Wie willst du einem Menschen das schmackhaft machen?”, kommentierte ich lachend.

Bewusstlos durch die vielen Leben zu streifen, sich immer wieder auf einem Schul-Planeten verkörpern zu müssen, seine inneren Fähigkeiten brach liegen zu lassen und sie niemals zu nutzen, außer für die stumpfsinnigen Arbeiten im Alltag für das Wohl der Regierungen, als Futter für Energieräuber zu dienen und niemals seine Ganzheit zu erreichen, die mit der totalen Erinnerung und auch der totalen Freiheit gleichzusetzen ist, scheint für die Menschheit der größte Antrieb zu sein. Wie könnte also jemandem jemals der dumme Einfall kommen, es könnte sich lohnen?”, versicherte er mir mit einem lauerndem Grinsen.

Wir lachten über seine Darstellungsweise und setzten unseren Weg fort. Ich spürte, dass ich mich nicht mehr lange in seiner Welt halten konnte.

“Ihr Menschen seid Teil dieses großen Bühnenstücks und es kommen noch einige Abenteuer auf euch zu. Jeder von euch hat sich in eine interessante Zeit aussetzen lassen. Doch man darf niemals vergessen, dass alle Begebenheiten, die einem widerfahren, genau jene sind, die man sich auch gewünscht hat. Jeder Einzelne sitzt auf der anderen Seite am Steuerknüppel und bewegt seinen Avatar aus der Ferne, den er einst zum Planeten Erde entsandt hatte.”

Dann verließ ich seine Welt und fand mich in meinem Bett wieder. Innerlich bedankte ich mich bei dem alten Mann für seine Worte. Dieses Mal hatte ich mehr denn je den Eindruck erhalten, dass er diese Worte nicht nur an mich gerichtet hatte, sondern an jeden Menschen, der später vielleicht seine Worte lesen würde. Für mich waren viele seiner Worte schon seit langem bekannt und wenn ich mich fragte, warum er sie extra noch einmal wiederholte, obwohl es mir doch bekannt war, erhielt ich die Intuition, dass er eben seine Worte an viele richtete. Ich konnte nicht einmal mit absoluter Sicherheit sagen, ob ich der alleinige Besucher seiner Wanderungen durch Wald- und Berglandschaft war. Vielleicht gab es noch andere Besucher. Wer konnte das schon wissen?

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7 Kommentare zu “Suche nach Erleuchtung: Der Padawan (Teil 36)

  1. Lieber Jonathan,

    Steinchen um Steinchen bringst Du in wunderbaren Farben die Erinnerungen von Deinen Reisen zurück. Sie ergeben für mich ein in sich stimmiges Bild, aus dem ich immer wieder lernen kann. Du weckst mich (uns) aus der Amnesie, malst intensiv ein Bild von fernen Landschaften, so, dass ich große Lust zu reisen bekomme. Wecke in den Menschen die Lust auf die Ferne, so werden sie ein Schiff bauen. Es wird sich lohnen, Du kannst dem alten Mann von mir aus ganzem Herzen danken.

    Peter

  2. Hallo Peter,
    ich würde dem alten Mann gern Grüße bestellen, wenn ich ihm wieder begegne. Ich muss nur daran denken. ;-) Meistens ist es so, dass ich in diesen Momenten sehr auf die Begegnung fixiert bin und mein Zugriff auf mein normales Ich ein wenig passiv ist. Wenn ich von meinem Klonselbst zum anderen Selbst wechsele, dann ist die Verbindung zum Klonselbst also in den Wahrscheinlichkeitsfraktalen etwas eingeschränkt. Vielleicht ist der Kontakt mal besser. Mal sehen.
    Ich hoffe, dass ich viele Menschen dazu inspriere, selbst diese Reisen in die unbekannte Realität zu unternehmen oder sie damit auf andere Weise zu beflügeln.
    Liebe Grüße, Jonathan

  3. “Jeder Mensch ist allein aus dem Grund auf den Planeten Erde gekommen, um sich selbst zu erkennen und um sich selbst wiederzufinden. Eine solche verheerende Amnesie, wie ihr sie allesamt auf der Erde erfährt, ist gewaltig. Nicht zuletzt entstand diese Amnesie durch euren Verstand. ”

    Als Evolutionsprozess-Physiker gehe ich von einem alles organisierenden Ziel/Prinzip aus, und aus diesem leite ich auch den ‘Grund’ für mein Erdenleben ab. Das Evolutionsziel führt nicht zur Aufgabe ‘sich selbst erkennen’. Es geht darüber weit hinaus.

    Ich bin ein Teil des Evolutionsprozesses, d.h. dessen,was sich organisiert. Und wenn ich dessen ‘absolute’ Gesetzlichkeit
    (= Evolutionsprozess-Ziel) kenne, kann ich ein bewußter Teil sein – und damit viel selbst- und mitwelt-effizienter sein als ohne diesen Erkenntnisstand. Ich kann zum Medium des GANZEN werden und m Einklang mit dem GANZEN leben.

    Was heißt das konkret?

    Das alles organisierende Ziel des Evolutionsprozesses lautet n.m.E. ‘Wegemaximale Steigerung der Wechselwirkung’. Daraus leite ich das Erfolgs-/Entwicklungs-, Handlungsprinzip für mich ab: ‘das subjektiv als richtig Erkannte im Maximum tun, d.h. angstfrei handeln. Die Kurzformel lautet: subjektiver Maximalismus. Er ist die Bedingung meines maximalen Wechselwirkungsbeitrags.

    Auf die aktuelle Evolutionsprozess-Stufe übertragen, d.h. ins Politische übertragen wird n.m.E. daraus das Ziel, eine Ordnung-des-KREATIVEN anzustreben. Diese Ordnung-des-KREATIVEN eröffnet den Menschen eine Entwicklungsperspektive auf Erleuchtung (= Erfahrung des GEIST-Feldes). ‘Heitere Erleuchtung für alle’ tritt an die Stelle von Ludwig Erhards sehr konfliktträchtige und machtpolitisch ausbeutbare Parole ‘Wohlstand für alle’.

  4. Lieber Rüdiger
    Wenn ich eines gelernt habe, dann, dass alles einfach ist und nur wir in unserer Unkenntnis es verkomplizieren. Auch bin ich der Überzeugung, dass menschliche Entwicklung nicht linear für alle, sondern für jeden Menschen verschieden abläuft. Sozusagen wo man sich gerade einklinkt, oder einklinken kann, weil man eben noch nicht für mehr bereit ist. Man erkennt doch immer nur, was im Rahmen seines eigenen Horizontes liegt und kann nur ein wenig an der Demarkationslinie herumspazieren und interpolieren wie es wohl weitergehen könnte….

    Es ist schön, dass du bei deiner Art zu denken auch zu – für dich befriedigenden- Lösungen kommst. Was mir aber gut gefällt, ist die „heitere Erlösung“ von der du schreibst.
    Erkenntnis soll uns doch dazu führen, dass wir über uns selber ein wenig lachen können. Wer über sich lacht, lässt sich auch nicht ausbeuten, nicht durch Maxime, nicht durch Materielles. Nur wer gierig ist nach Geld, Macht, Anerkennung usw. ist angreif- und manipulierbar.

    Mit einer generellen „Ordnung-des-KREATIVEN“ hätte ich persönlich wenig Freude. Für mich empfinde ich es als einen Widerspruch in sich. Natürlich kann es auch sein, dass du meinst, wenn ein Kreativer der aus dem Chaos schöpft und es in eine (oft auch nur für ihn sichtbare) Ordnung bringt, durch seine Ordnung andere zu einem „AHA“ Effekt – sprich Erleuchtung animiert. Dem kann ich (eingeschränkt) zustimmen. Eingeschränkt deshalb, weil es ja wiederum nur der erkennt, der gerade sich auf die Ebene dieser „Ordnung“ einklinken kann.

    Liebe Grüße
    Peter

  5. Verehrter Peter!

    ‘Allseitige Enwicklung der menchlichen Fähigkeiten’ ist der subjektive Teil des europäischen Humanprojekts. Von diesem T e i l sprechen Sie, Peter.

    Der andere Teil des Humanprojekts ist die ‘machtsystemfreie bzw. macht-minimierende Gesellschaft’, die die Entwicklungschancen der Menschen maximal unterstützt. Bislang landete der Kulturfortschritt immer wieder in einer Crash-Ordnung ‘wachsender Machtsysteme’. Der Grund liegt in unseren Theorie-/ERkenntnis-Lücken über die evolutionsprozess-logische ORNUNGS-Option, mit der sich ein KREATIVES Gesellschaftsystem in der Akzelerationskonkurrenz gegen die KÄMPFER-Systeme durchsetzt. Eine freiheitliche Gesellschaft kam immer unter die Räder der Machtsystem-Betreiber und sie landete im Crash.

    Damit dürfen wir uns als ganzheitliche Denker nicht zufrieden geben. Ich erinnere an Ken Wilber, der einen spirituellen Liberalismus fordert.

    Die aktuelle Systemkrise der frühindustriealisierten Staaten wird den Wechsel zur Vorherrschaft der KREATIVEN Ordnung ermöglichen. Diese Chance sollten wir nutzen. Nur wenn wir die herrschenden, gesellschaftlichen Macht- und Steuerung- und Prämierungs-Verhältnisse stürzen und kreativieren, d.h. machtsystem-minimierend organisieren, öffnen wir den Menschen das Tor, hinter dem sie die Verheißung ‘Heitere Erleuchtung für alle!’ ernst nehmen werden, weil es auch zum subjektiven Entwicklungserfolg real führt, d.h. ständig prämiert wird. Vorher nehmen sie nur das ‘Erkämpfe es Dir oder verzichte !’ als Orientierung ernst – Zu ihrem eigenen leidvollen Schaden.

    Der Mensch kann wohl nur als ein aktiver Teil der Gesellschaft glücklich werden – wenn ihm sein Streben und Leben nicht nur ab und zu und nur im kleinen Kreis glückt, sondern nachhaltig und ‘in Gesellschaft’ glückt.

  6. Sonntag, 6. Februar 2011
    Lieber Rüdiger,

    vielen Dank für deine Antwort. Zugegebenermaßen musste ich mich erst in deine sehr technischen Formulierungen einlesen. Wenn man es dann mal kapiert hat was damit gemeint ist, ist es sogar irgendwie reizvoll ein philosophisches System in einer Art mathematischen Formel untergebracht zu sehen. Der positive Unterschied zu meinen oft recht ausführlichen Gedankenparcours ist, dass es bei dir keine Ausflüchte mehr gibt. Das macht mir die Sache einfacher ;-).
    Es erscheint mir ziemlich klar was du meinst, doch befürchte ich, dass du das Gute willst und dabei zu schnell nach vorne läufst.
    Mir gefällt der wunderschöne Sätze von dir :
    “Jeder Mensch ist allein aus dem Grund auf den Planeten Erde gekommen, um sich selbst zu erkennen und um sich selbst wiederzufinden“ Damit will ich meine Überlegungen beginnen.
    Diese Worte implizieren doch, dass wir aus einem fertigen, sich selbst erkennenden Dasein herausgefallen sind und uns unaufhaltsam dahin wieder zurück – eigentlich nach vor – entwickeln. Der Sinn dieses „Spiels“ ist demnach die Theorie durch Praxis zu ergänzen. D.h. durch Erleben einer scheinbaren Wirklichkeit über viele schöne und schwierige Entscheidungen hinweg wieder zu unserem Ausgangspunkt zurück zu gelangen. Dort werden wir dann wieder zu dem bereits vorher schon ausgedachten Ideal. Dann jedoch mit dem Unterschied der praktischen Erfahrung. Dann wäre die Amnesie von der du schreibst, nicht durch den Verstand, sondern mangels desselben entstanden und zwar aufgrund einer freiwilligen „Nichterinnerung“ . Sozusagen um neu und unbeeinflußt Erfahrungen sammeln zu können.
    Soweit ist es für mich altes (hinduistisches) Gedankengut und ganz ok und deckt sich auch mit dem „einem alles organisierenden Ziel/Prinzip“ von dem du als „Evolutionsprozess-Physiker“ schreibst. Ob die Evolution noch weiter darüber hinausgeht,bejahe ich. Vereinfacht ist es für mich so zu verstehen, dass eben alle Flüsse ins Meer fließen (die große Einheit der Vielfalt) oder wie Teilhard de Chardin schreibt „die NOOSPHÄRE“ als letzte Stufe der Rückbesinnung zur Einheit. Ich hoffe, dass ich dich bis dahin richtig verstanden habe.
    Doch am 27.11. meinst du weiterführend zu meinen Gedanken:
    ‘Allseitige Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten’ ist der subjektive Teil des europäischen Humanprojekts“.
    Ja und nein so meine ich. Nicht ausschließlich subjektiv. Persönliche Entwicklung ist zwar vordergründig ein gesellschaftsunabhängiges, machtfreies Unterfangen , jede persönliche Entwicklung könnte jedoch auch als gesamtgesellschaftliche Möglichkeit angesehen werden. Eine Interaktion zu anderen Gesellschaftsteilnehmern ist unvermeidlich. Selbst wenn ich isoliert auf einer Insel leben würde, bliebe pers. Entwicklung wahrscheinlich nicht nur subjektiv (morphogenetisches Feld), egal ob sie machtfreies oder macht-maximierendes Gedankengut enthält. So sah Sri Aurobindo es als seine Lebensaufgabe an, einen einzigen Gedanken aus dem „Überbewußtsein“ – (der göttlichen Wirklichkeit- soweit er es im Samadhi sehen konnte) in die irdische Wirklichkeit „herunter“ zu bringen um diesen hier so zu verankern, dass er für alle Menschen eine Art „Wegweiser“ und begehbare Möglichkeit werden konnte. ( vgl. Jesus der postulierte, das der Weg zum Vater über Ihn geht, weil er durch seine Fähigkeiten sich als Brücke sah) Eine subjektive Entwicklung wäre dann Illusion, wie auch der Glaube an die irdische „Realität“ anders zu bewerten wäre. War es nicht Rupert Sheldrake der gemeint hat, wenn eine Ratte ein bestimmtes Verhalten erlernt, jede andere Ratte auf der Welt dasselbe Problem schneller löst? Das bedeutet (in dieser Auslegung), dass alle Subjekte interagieren und eigentlich Teil der Gesamtheit sind. Somit ist subjektive Entwicklung auch objektive Veränderung aller.
    “Der andere Teil des Humanprojekts ist die ‘machtsystemfreie bzw. macht-minimierende Gesellschaft’, die die Entwicklungschancen der Menschen maximal unterstützt. Bislang landete der Kulturfortschritt immer wieder in einer Crash-Ordnung ‘wachsender Machtsysteme’. Der Grund liegt in unseren Theorie-/Erkenntnis-Lücken über die evolutionsprozess-logische ORNUNGS-Option, mit der sich ein KREATIVES Gesellschaftssystem in der Akzelerationskonkurrenz gegen die KÄMPFER-Systeme durchsetzt. Eine freiheitliche Gesellschaft kam immer unter die Räder der Machtsystem-Betreiber und sie landete im Crash”
    Hier meine ich, dass es nicht mehr darum gehen sollte wer schneller ist und dadurch die Oberhand gewinnt. Gerade die derzeitigen Entwicklungen zeigen, dass es immer ein Auf und Ab gibt. Wird der Druck der Machtmaximierung (weil sie schneller waren) zu groß, sprengt das Volk die Ketten und in der Geburtsstunde der Demokratie liegt bereits der Keim zu Korruption. Es liegt immer am Individuum zu entscheiden. Es ist wie Tag und Nacht, ein sich anscheinend gegenseitig erforderliches Gesellschaftsbild als die Entscheidungsgrundlage wohin wir uns entwickeln wollen…
    Nicht die Gesellschaft crasht, sondern das Individuum. Da gibt es keine allgemeine Formel. Jeder hat andere Gründe warum er sich so oder so entscheidet. Macht, Eitelkeit, Dienst am Nächsten, Ausbeutung, Ideale und Lust an Zerstörung, Ruhm oder Selbstlosigkeit…. Der Wettlauf ist so nutzlos, wie anscheinend unvermeidbar.
    Der Staat beginnt in der Familie – beim Individuum. Hier muß der Wunsch nach „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ nach „Liebe deinen Nächsten“ und nach „alle Menschen werden Brüder und Schwestern“ geweckt werden. So kann dein schöner Wunsch einer nachhaltig geglückten Gesellschaft in Erfüllung gehen. Individuen haben ein Schwarmverhalten, sie beeinflussen einander, weil sie mit ihrer Einstellung zum Leben bei jeder Entscheidung mit anderen kommunizieren. Mir ist das Individuum so lieb, weil es gar nicht permanent existiert und doch jeder daran glaubt. So wie ein Billardball der in die Kugeln trifft und diese sich untereinander berühren und verschieben, so ist es mit unserer Individualität bestellt. Wir testen und modifizieren sie permanent. Es ist wie bei den Dominosteinen. Nur bemühen wir uns stehen zu bleiben. Das macht uns gemeinsam stärker (Schwarmverhalten)
    Weiter meinst du: „Nur wenn wir die herrschenden, gesellschaftlichen Macht- und Steuerung- und Prämierungs-Verhältnisse stürzen und kreativieren, d.h. machtsystem-minimierend organisieren, öffnen wir den Menschen das Tor, hinter dem sie die Verheißung ‘Heitere Erleuchtung für alle!’…”
    Dem kann ich gerne folgen, wenn, wie ich meine, der Sturz durch viele „Individualzellen“ erfolgt – wenn eben der Druck zu groß wird und es immer mehr gleichdenkende Individuen gibt. Das wirkt sich zweifellos machtsystem-minimierend aus. Wir würden, so meine ich, scheitern, wenn wir als Gruppe andere Systeme wie Gegner behandeln. So würden wir selbst macht-maximierend handeln, als Gruppe einschätzbar , manipulierbar und korrumpierbar werden.
    Ein Gegner ist auch nur dort, wo wir ihn zu sehen vermeinen. Haben wir erst einen „Gegner“ lokalisiert, übersehen wir andere Lösungsmöglichkeiten. Erkämpfen oder verzichten ist keine saubere Lösung. Kampf ist Unterdrückung durch Macht (soferne wir gewinnen) daher nicht nachhaltig und Verzicht schließt einen unerfüllten Wunsch mit ein. Das ist ein latenter Same der Unzufriedenheit.
    Wollen wir denn wirklich den Platz eines Anderen erkämpfen?
    Vielleicht sind sie nicht unsere Gegner, sondern unsere Freunde, sie zeigen uns eine andere Entwicklung und dienen uns in ihrer Überzeugung als wertvolle Orientierung. Wir müssen nur als Individuum zu manchen Vorstellungen „SO NICHT“ sagen können. In unserer Ablehnung ihrer Maxime liegt ihr Machtverlust, nicht im Kampf. Ihre Herausforderung nötigt uns aber auch ein erstrebenswertes Gegenteil zu postulieren. Es würde genügen, wenn wir dann dieses Gegenteil auch zu leben versuchen.
    Wenn wir gegen die Macht-maximierer kämpfen, nehmen wir nur ihren Fehdehandschuh auf und kämpfen mit ihren eigenen Waffen. Da wäre unsere Niederlage vorprogrammiert. Da sind „Sie“ zuhause, das können sie besser und wir vergiften uns durch ihre Theologie.
    In diesem Forum treffen sich viele Individuen auf der Suche nach „heiterer Erlösung“ (für diese Worte bin ich dir lange dankbar, denn Heiterkeit ist auch Friede) Sie organisieren sich nicht, sie suchen für sich (eine scheinbar individuelle) Erkenntnis. Eine Erkenntnis die, um in uns aktiv zu werden, bestimmter Vorzeichen bedarf. Diese Vorzeichen können nur wir selber schaffen. Gelingt uns das nicht, haben wir keinen Eingangsschlüssel zu dieser Dimension.
    Das Feine und Erheiternde dabei ist, dass Prinzipien der Machtsysteme bei dieser Suche kontraproduktiv sind und sich sogar gegen das Individuum stellen. Wer Macht will, kämpft gegen einen Spiegel und verliert letztendlich immer. Nur der auf die Macht verzichtet, dem gebührt die Macht (Gandhi – ich bin der letzte Diener..) .
    Die Liebe zur gesamten Schöpfung, die auch die Schattenseiten mit einschließt – also „bedingungslos“ ist – wird durch die Erkenntnis geboren, dass Macht auch ein „Hüter der Schwelle“ ist. Nur der Verzicht darauf macht uns frei und wir können dann eine Stufe höher steigen. Vorbilder gibt es ja genügend von „Liebe deinen Nächsten“ „Geh mir aus der Sonne“ bis „I have a dream“. Daraus werden machtfreie Gesellschaften gebildet, die – paradoxerweise – sehr mächtig sein können. Dann jedoch werden sie wieder von machthungrigen Maximierern missbraucht. So kommt auch eine zukünftige Generation in den Genuss wieder und wieder dasselbe Programm zur „Heiteren Erlösung“ durchlaufen. ;-)
    Eine Lösung sehe also nicht darin eine vorherrschende Gesellschaft aktiv zu stürzen, sondern unseren eigenen Fall dadurch aufzuhalten, dass wir – durch gelebte Erkenntnis – einfach nicht deren System übernehmen. Ein einfacher Verzicht auf das “Manna” der Machtmaximierer ist der Keim einer anderen, machtfreieren Gesellschaft (in der die, die daran glauben auch glücklich sind, ein „Biotop der Guten“ sozusagen. Zumindest aus deren Sichtwinkel)

    Lieber Rüdiger danke für deinen wertvollen Beitrag – wie heißt es in einem Lied „wenn ich erst einen Standpunkt habe, dann kann ich ihn vertreten“ Erst durch dich habe ich versucht zu diesem Thema einen Standpunkt zu finden – zumindest solange, bis du mich überzeugst diesen zu modifizieren. ;-)
    Peter
    „Der Mensch kann wohl nur als ein aktiver Teil der Gesellschaft glücklich werden – wenn ihm sein Streben und Leben nicht nur ab und zu und nur im kleinen Kreis glückt, sondern nachhaltig und ‘in Gesellschaft’ glückt.“
    (meinen wir wohl beide)

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