Reinkarnationserinnerung: Mein Bruder

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Es ist angenehm im Bett zu liegen. Es ist zwar kein sicherer Ort, aber man fühlt sich sicher und geborgen. Ich öffne meine Augen. Es ist schon hell draußen und neben mir erblicke ich einen Mann. Ich schaue ihn mir genau an. Er ist sehr breit gebaut und hat einen riesigen Kopf. Mit Sicherheit ist er zwei Meter groß. Eine Hand lugt unter einer hässlichen, dunkelbraunen Decke hervor. Sie wirkt gewaltig groß. Langsam kommt das Update herein (Update = Empfang von Alltagserinnerungen der Traumpersönlichkeit, die man gerade ist). Dieser Koloss von Mann ist mein Bruder. Ich spüre, wie ich immer einfacher und einfacher denke. Es ist so, als verlöre ich mein komplexes Denken. Wenige Sekunden später fühle ich mich wie Forrest Gump. Einfach, direkt, unkompliziert, naiv und völlig unwissend.

Ich richte mich auf und schaue mich um. Da schießt mir die Erkenntnis über den Ort, wo ich mich befinde, wie ein Blitz ins Bewusstsein: Ich bin in einer Psychiatrie! Eingesperrt. Keien Hoffnung darauf, in den nächsten Jahren hier herauszukommen.

Mein Bruder legt die Decke zur Seite.

“Wo willst du hin?”, frage ich ihn.

“Weg!”

“Wie, weg? Wo willst du hin?”

“Ärger machen”, sagt er mit knappen Worten.

Nun steht er vor der alten Pritsche. Er trägt die gleiche Kleidung wie ich. Sie ist grau und ähnelt einem unsauberen, steif gewaschenen Pyjama aus grobem Stoff. Auf der rechten Brustseite befindet sich eine Tasche.

Ich bin bei weitem nicht so breit und stark gebaut wie mein Bruder. Ich bin eher ein schmächtiger Typ. Eigentlich bin ich mir nicht einmal sicher, ob wir beide vom selben Vater gezeugt wurden, aber das sind Fragen, die ich mir niemals gestellt hatte.

“Bleib hier!, bitte ich ihn.

“Nein, ich muss! Ich muss nach vorne an die Pforte gehen und Ärger machen.”

“Was soll der Mist? Du weißt, dass du dann auch wieder Ärger kriegst! Vielleicht sperrt man dich in Einzelhaft oder du kriegst Elektroschocks. Willst du das?”

“Lass mich! Ich mach das jetzt. Du weißt, dass ich das machen muss…”

“Aber ich versteh nicht, wieso! Du musst das doch gar nicht machen. Warum willst du Probleme kriegen? Lass es doch einfach. Tu es nicht.”

Er schaute mich mit seinen großen Augen an: “Ich geh jetzt. Es muss sein. Das weißt du.”

Ich wusste es aber nicht und hatte nicht die leiseste Ahnung, wieso er so besessen davon war, sich mit den Pflegern und Ärzten anzulegen.

Kurz darauf verließ er den Schlafraum. Auch einige andere Insassen schauten ihm gespannt hinterher. Wenige Sekunden später hörten wir etwas im Gang poltern und laute Rufe. Es schien so, als hätte mein Bruder irgendwas zerbrochen oder jemanden gepackt und ihn gegen das Mobiliar geschleudert.

Dann erwachte ich in meinem Bett. Diese Nacht war eine von jenen, in denen ich alle viertel Stunde mit einem neuen Traum erwachte. In diesem Traum war ich in einer Psychiatrie eingesperrt. Den Grund dafür kannte ich leider nicht.

In solchen Momenten und dem direkten Empfinden, sobald sich das Update einstellt, wird mir immer wieder klar, dass die Erinnerung uns zu dem macht, was wir sind. Ein Mensch, der sein Gedächtnis verlieren würde, wäre ein anderer Mensch. Selbst der größte Bösewicht könnte ein guter Held werden, wenn er plötzlich keinen Zugriff mehr auf seine Erinnerungen besäße. Von Grund auf ist jeder Mensch gut.

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2 Kommentare zu “Reinkarnationserinnerung: Mein Bruder

  1. Lieber Jonathan,

    \”Von Grund auf ist jeder Mensch gut.\”

    Es macht mich sehr glücklich, diesen letzten Satz zu lesen! So ist es, so empfinde ich auch.
    Wenn man in Träumen \’vergangene\’ Leben erfährt, so sind diese auch mit allen Fassetten von Gut und Böse gespickt. Es war nur eine Rolle, merkt man irgendwann.
    Außerdem verliert diese Beurteilung auch generell irgendwie ihren Sinn.
    Lieben Gruß
    Momo

  2. Really great experience! Popped down here and enjoyed reading this stuff! It blows my mind! (meine deutsch ist nicht sehr gut in shreiben.) Regards, George from London Town

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