Filmkritik: Remainder

remainder-filmkritikIn den ersten fragmentarischen Szenen erkennt man einen Mann, der mit einem schwarzen Rollkoffer auf der Flucht zu sein scheint. Doch ganz unvermittelt und ohne jedes Motiv, lässt er den Koffer stehen und überquert eine Straße. Plötzlich hört man Glas bersten. In einem nahegelegenen Hochhaus hatte es eine Explosion gegeben. Glassplitter fallen zu Boden und während der Protagonist Tom (Tom Sturridge) unerwartet stehenbleibt und abzuwarten scheint, bekommt er irgendein großes technisches Gerät an den Kopf und fällt blutüberströmt zu Boden. Im nächsten Moment erwacht er aus einem langen Koma im Krankenhaus und kann sich an rein gar nichts mehr erinnern. Von diesem Moment an wird sein Versuch, sich an alles zu erinnern, zu einer fixen Idee. Jede Erinnerung, die er zurückgewinnen kann, und sei sie noch so undeutlich, spielt er mithilfe einer ganzen Theatertruppe maßstabsgetreu nach, in der Hoffnung, sein Gedächtnis wieder vollständig zurückzuerhalten…

Wer einen rasanten Hollywood-Film mit schnell wechselnden Szenen erwartet, ist hier völlig falsch. “Rem(a)inder” ist ein sehr ruhiger und mit Bedacht ausgeführter Film, der mit nachdenklichen Bewegungen, langen Szenen und detailverliebten Momenten ARTE-ähnlich über die Leinwand plätschert. Doch der langweilige Schein trügt, denn die Idee ist einfach genial: Tom versucht mit allen Mitteln, sämtliche aufblitzenden Erinnerungen in seinem neuen Alltag zu kopieren. So kauft er beispielsweise ein komplettes Haus und engagiert zig Schauspieler, die die Rollen seiner Traumfiguren übernehmen und nachspielen sollen. Pedantisch und mit höchster Akribie geht er vor. So lässt er sein Team beispielsweise stundenlang auf das Go warten und gesichtslose Figuren müssen Strumpfmasken tragen, damit der nachgespielte Traum erneut und immer wieder beginnen kann. Nur so kann er die einzelnen Puzzlestücke immer mehr zusammensetzen. Doch wer nun davon ausgeht, dass dies die primäre Funktion seiner Engagements darstellt, irrt gewaltig.

Der Berliner Regisseur und bekannte Videoinstallationskünstler Omar Fast ließ sich von dem gleichnamigen Roman des Autoren Tom McCarthy inspirieren und hat diesen im englischen Ambiente umsetzen wollen, um das Thema von Déjàvu’s, Zeitschleifen und mysteriöse Zufälle zu vertiefen. Dass Romanautor, Schauspieler und der Protagonist den gleichen Namen tragen, mag daher Zufall sein oder auch nicht, doch darüber hinaus entpuppt sich die Story immer mehr zu einem surrealen Kunstwerk, das den Zuschauer schleichend in den Bann zieht und dessen Logik und Erwartungen zunehmend auf die Probe stellt. Dunkel ziehen die Wolken auf, wenn der Zuschauer erkennt, dass der Regisseur auf eine Unmöglichkeit zusteuert, die unaufhaltsam den Verstand mit einem logischen Widerspruch auszuschalten versucht.

Fazit: Gelungenes Déjàvu-Melodram. 7 von 10 Sternen.

Der Film ist HIER erhältlich!

Regie: Omer Fast
Drehbuch: Tom K. McCarthy (Novelle), Omer Fast Adaptation)
Mit:  Tom Sturridge, Cush Jumbo, Ed Speleers
Genre: Drama
Land: England/Deutschland, 2016, ca. 103 min.
FSK: ab 12 Jahre
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Trailer: Video

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Ein Kommentar für “Filmkritik: Remainder”

  1. Patrick sagt:

    Vielen Dank für den Artikel.
    Sehr gute Filmkritik, habe genau danach gesucht, da mich der Film und die Meinungen dazu sehr interessieren. Dazu ist es einer meiner Lieblingsfilme. Bin in vielen Punkten deiner Meinung.
    LG

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