Traumnacht: Hauchdünn

„Wo soll ich denn nun her?“, rief sie zu mir herüber.

„Du springst nun einfach von der Ebene auf diese hier. Dann bist du drüben!“, sagte ich.

„Das ist hier alles so offen und ich weiß nicht… Nachher falle ich runter!“

„Du wirst schon nicht runterfallen! Spring rüber!“

Meine Schülerin ging bis zum Rand des halbfertigen Hochhauses und blickte unsicher in die bodenlose Tiefe.

„Das ist so verdammt hoch!“

Ich stand auf einem benachbarten Hochhaus und wartete darauf, dass sie springen würde. Ich wusste, dass sie es schaffen könnte, wenn sie es genügend wollte. Dann begann ich mich zu wundern, denn ich bewegte mich hier völlig schwindelfrei zwischen den offenen Stockwerken, während ich in meinem Alltag doch nicht so schwindelfrei bin. Daraufhin musste ich breit grinsen und so langsam dämmerte mir, wo ich mich hier befand.

„Nun spring schon!“, rief ich ihr mit immer noch dem gleichen Grinsen zu. Doch durfte nicht auffallen, dass ich mir der Situation viel bewusster war als sie. Es ist stets wichtig, dass der Schüler von selbst darauf kommt.

Dort stand sie nun in ihrer Jeans, dunklen Bluse und braunen Haaren. Sie war vielleicht gerade mal 20 Jahre alt. Ich überlegte, wer sie sein könnte, denn ich wusste nur, dass ich sie als Schülerin angenommen hatte, aber ich konnte mich im Moment nicht mehr daran erinnern, wie es dazu gekommen war. Doch wie es in solchen Situationen nun einmal wichtig ist, blieb ich getreu in der für mich vorgesehenen Rolle, damit sie keinen Verdacht schöpfte. Entweder würde sie es von alleine erkennen oder niemals. Das ist stets die Auflage.

Dann nahm sie Anlauf und machte einen gewaltigen Sprung. Dabei überbrückte sie sicherlich über 10 Meter und landete sicher neben mir.

„Hey! Du hast es geschafft! Sehr gut!“, lobte ich sie. „Nun werden wir gemeinsam auf dieses Stockwerk dort springen.“

Ich zeigte auf ein weiteres Hochhaus, das sich in unserer Nähe befand und es war vermutlich doppelt so weit entfernt. In ihren Augen erblickte ich nach ihrem gelungenem Sprung höchste Motivation.

„Keine Sorge! Das pack ich!“, meinte sie und machte sich für den Sprung bereit.

Plötzlich erwachte ich in meinem Bett. Irgendwas hatte mich geweckt. Sodann spürte ich auch gleich schon den Grund. Jemand hatte in seinem zweiten Körper mein Schlafzimmer betreten. Wie ich mit meinem inneren Auge erkennen konnte, war es ein Mann, vielleicht zwischen 20 und 30 Jahre alt, mittelblond, schlank, leichter Seitenscheitel. Er stand neben meinem Bett. Ich befand mich gerade noch in der Körperstarre und konnte mich daher nicht bewegen. In dieser Phase braucht man manchmal schon bis zu einer halben Minute, bis der Körper aus dem Standby-Modus wieder aktiviert war.

Wenige Momente später war mein Körper wach. Ich ließ jedoch noch die Augen zu, um mich auf den Besucher zu konzentrieren. Dann spürte ich, wie er sich zu mir herunterbeugte und seine Lippen ganz nah an mein Ohr führte. Ich fühlte seine Präsenz sehr deutlich. Dann hauchte er mir ganz deutlich hörbar in mein linkes Ohr. Es war so laut, dass es jeder andere im Raum auch vernommen hätte. Ich war überrascht, dass ich ihn so klar und geräuschvoll hören konnte, obwohl ich schon erwacht war. Dann öffnete ich meine Augen, um zu sehen, ob ich ihn in der Dunkelheit erkennen konnte. Manchmal schon hatte ich im Wachzustand einen schwarzen Schatten oder eine neblige Schliere wahrgenommen. Leider konnte ich ihn nicht wahrnehmen, sondern einfach nur spüren.

Wenige Sekunden später richtete er sich wieder auf und verschwand.

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