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Die andere Seite: Gestrandet

Reise zum Selbst - Die andere Seite

Ich kam langsam zu mir. Unter mir befand sich Sand. Scheinbar war ich an einen Strand gespült worden. Als ich meinen Kopf hob, blickte ich auf ein Paar Armeestiefel.

“Da bist du ja! Komm, wir müssen los!”, hörte ich einen Mann sagen.

Nachdem ich aufgestanden war, versuchte ich mich zu orientieren. Nicht unweit erblickte ich eine große, weißfarbene Plattform und in einiger Entfernung viele zerbombte Häuser. Verzweifelt versuchte ich mich zu erinnern, was gerade eben noch geschehen war. Leider hatte ich keinerlei Erinnerung, wie ich hierher gelangt war.

Vor mir standen ein Mann und eine Frau. Sie trugen sehr praktische, teilweise militante Kleidung. Sie war ziemlich aufgetragen und offensichtlich nie großartig gereinigt worden.

“Los, komm mit!”, sagte der Mann.

Wir liefen dann hoch auf die weißfarbene Plattform. Der Boden war mit unzähligen kreisrunden Tellern übersät. Mit einem gekonnten Griff zog er an einem der Teller und riss ihn heraus. Wie an einem Gummiseil befestigt, hing der Teller nun in einiger Höhe über dem Boden und als er ihn wieder losließ, schnellte er zurück in den Boden. Ich verstand nicht, was er da machte, aber ich schaute fasziniert zu.

“Wenn das die Anderen nicht aufscheucht, dann weiß ich auch nicht!”, flüsterte er mir zu und lächelte bedeutungsvoll.

“Was habt ihr denn vor?”, entgegnete ich.

“Wir werden sie rufen, damit du sehen kannst, wie man das macht. Oft kann man nur verstehen, wenn man es erfährt. Du wirst schon sehen…”

Ich nickte spontan, ohne mir jedoch etwas darunter vorstellen zu können.

Doch nichts geschah! Nun ergriff er gleich drei dieser kleinen, handgroßen Teller auf einmal, zog sie ein bis zwei Meter aus dem Boden heraus und ließ sie wieder zurückschnellen. Der ganze Boden vibrierte.

“Wenn das nun nicht ihre Satelliten registriert haben, dann weiß ich auch nicht!”, lachte die Frau.

Kurz darauf vernahm ich ein leises Surren in der Luft und mehrere hundert Meter entfernt glaubte ich, einige Flugobjekte zu erkennen, die hinter einigen der Häuser zum Vorschein kamen.

“Da sind sie!”, rief die Frau und die beiden rannten los.

Mir bleib eigentlich nichts anderes übrig, als ihnen zu folgen. Sie liefen auf die zerbombten Häuser auf der rechten Seite zu und verschanzten sich in einigen der Kellerfenster, die man dort finden konnte. Nun beobachteten wir genau, was im Weiteren geschah: Es tauchten mehrere schwebende Objekte auf, vielleicht zehn Meter im Durchmesser und ihnen voraus konnte man mehrere kleinere Objekte ausmachen, die wie Spinnen über den Boden liefen. Sie suchten die Umgebung ab und ich vermutete, dass die Betätigung dieser Teller sie herbeigerufen hatte.

Plötzlich lief ein Mann an ihnen vorbei und diese roboterähnlichen Spinnen jagten auf ihn zu und schossen Strahlen in seine Richtung. Als einer dieser Strahlen ihn traf, verharrte er in der Bewegung. Er wirkte nun gelähmt und konnte sich nicht mehr rühren. Die größeren Objekte sammelten ihn ein und schafften ihn fort. Nach einer halben Stunde war der ganze Spuk vorbei und wir trauten uns wieder aus unserem Versteck heraus.

“Hast du das gesehen?”, sagte der Mann zu mir.

“Ja, das habe ich. Sehe ich das richtig, dass wir es hier mit Außerirdischen zu tun haben?”, fragte ich.

“Richtig. Sie sind vor vielen Monaten gekommen und seitdem kämpfen wir wie Partisanen gegen sie. Die Armee kann schon lange nichts mehr gegen sie ausrichten. Sie haben momentan die Kontrolle.”

Noch immer versuchte ich mich daran zu erinnern, wo ich mich zuvor befunden hatte. Aus welcher Welt war ich gekommen und was hatte mich nur hierher verschlagen? Doch ich konnte keine Antwort auf meine Frage finden.

“Jetzt werden wir dir ein wenig die Umgebung zeigen. es ist wichtig, dass du Orientierung bekommst…”, erklärte der Mann und wir gingen auch gleich los.

An den zerbombten Häusern vorbei gelangten wir nach einiger Zeit in ein Waldstück. Wir liefen sehr lange die vielen Waldwege entlang, scheinbar ohne ein bestimmtes Ziel zu besitzen. Links von uns erblickte ich in ungefähr hundert Metern Entfernung noch immer die vielen kaputten Häuser. Anscheinend war hier in den letzten Monaten sehr viel vorgefallen und nachdem die Armee ihr Pulver verschossen hatte, mussten die Überlebenden kleine Widerstandsgruppen organisiert haben. Ich fragte mich, ob sie es eigentlich wussten, mit welchem Gegner sie es hier zu tun hatten. Waren sie bereits in der Lage gewesen, einen Außerirdischen gefangen zu nehmen, um ihn zu untersuchen und somit effektivere Maßnahmen gegen sie zu entwickeln. Ich fragte den Mann danach.

“Wir haben es bisher nur mit Droiden zu tun. Alles, was sie uns entgegensetzen sind Roboter! Wir haben einen richtigen Außerirdischen bisher nicht einmal zu Gesicht bekommen. ”

“Habt ihr denn schon Kontakt zu anderen Gruppen bekommen? Vielleicht wissen die ja mehr…”, hakte ich nach.

Nach dieser Frage schaute er mich kritisch an, doch bevor er etwas entgegnen konnte, trafen wir auf eine Gruppe von vielleicht zehn Personen. Sie trugen Waffen und begrüßten uns herzlich.

Während sie sich unterhielten und langsam den Weg fortsetzten, wurde ich neugierig und nahm einen Nebenpfad, der mich verführerisch angeblickt hatte. Ich ging diesen Waldweg entlang und kam nach einigen Minuten an einen See. Hier lagen mehrere Zivilisten herum, die badeten. Es waren eigentlich ausschließlich Mütter mit ihren Kindern. Sie ignorierten mich und nur wenige schauten mich kurz an.

Als ich den See hinter mir gelassen hatte, kam ich auf einen großen Marktplatz zu – zumindest das, was von ihm übrig geblieben war.

Viel Geröll lag auf dem Platz herum, links und rechts eingefallene Häuser. Zögernd ging ich zur Mitte des Platzes und plötzlich vernahm ich lautes Rufen und Geschrei. Mehrere Personen kamen von rechts herbeigerannt und liefen Hals über Kopf über den Platz – dicht gefolgt von mehreren Droiden, die sie unbarmherzig verfolgten. Sie schossen ihre Strahlen ab und einige von ihnen froren direkt ein.

Ich rannte zu einem der Häuser, um mich, so, wie ich es gerade gelernt hatte, in einem Keller zu verstecken, doch einer der Droiden schnitt mir den Weg ab und wenige Augenblicke später erwischte mich sein Strahl. Es war kein unangenehmes Gefühl, aber es war mir sofort unmöglich, mich auch nur noch einen Zentimeter zu bewegen. Kurz darauf wurde ich von einem der größeren Objekte eingesammelt…

Noch immer völlig bewegungsunfähig wurde ich in liegender Position von einem dieser kleinen, schwebenden Raumschiffe zu einer Art Sammelpunkt transportiert. Dort konnte ich sehr viele, fein säuberlich und nebeneinander aufgebaute, rechteckige Behälter aus Stein entdecken. Sie manövrierten mich zu einem dieser Behälter und ließen mich in ihn hinein. Danach wurde der Deckel über mir geschlossen. So verharrte ich dort eine gewisse Zeit, keine Möglichkeit, mich zu befreien oder zu bewegen…

Mit einem Mal wurde der Behälter wieder geöffnet! Ich blickte in das Gesicht des Mannes, der mich am Stand aufgelesen hatte.

“Da ist er ja! Hey, ich hab ihn!”, rief er laut.

Ich vermutete, dass die Außerirdischen gerade nicht zugegen waren und sie mich gefunden hatten.

“Da hast du aber gehörig Glück gehabt!”, meinte er lachend. “Wir hatten eh geplant, diese Sammelstelle hochzunehmen und die Menschen hier zu befreien.”

Nun konnte ich mich wieder bewegen und krabbelte aus dem Behälter heraus. Ich konnte mich überraschend schnell wieder ganz normal bewegen.

“Was ist da gerade passiert?”, fragte ich ihn.

“Jetzt weißt du, was sie mit uns machen, wenn sie uns schnappen. Sie scheinen uns irgendwie in diesen Dingern zu konservieren. Was genau sie jedoch mit den Kisten nachher machen, das wissen wir nicht. Nach einiger Zeit werden sie von einem großen Schiff abgeholt.”

Mittlerweile sah ich mich von zehn oder mehr Personen umgeben. Sie schauten mich misstrauisch an.

“Was ist?”, fragte ich vorsichtig nach.

“Wir wundern uns nur! Irgendwie scheinst du nicht der zu sein, den wir erwartet hatten”, erklärte die Frau.

“Nun gut”, seufzte ich, “dann will ich euch mal die Wahrheit sagen! Ich habe überhaupt keine Ahnung, wie ich hierher gekommen bin und ich weiß auch nicht, wo ich hier bin! Es ist, als hätte ich meine Erinnerung verloren.”

Dann sprach die Frau mich mit einem Namen an, den ich nicht richtig verstehen konnte, aber ich verstand ihn soweit, dass ich wusste, dass es sich hierbei nicht um meinen gehandelt haben könnte.

“So heiße ich nicht. Ich heiße Jonathan…”, gab ich zurück.

“Jonathan? Nein, das sagt uns überhaupt nichts!”

Jetzt entstand ein Tumult und laute Diskussion. Scheinbar waren sie verunsichert und versuchten zu verstehen, was passiert war. Dann ergriff der Mann das Wort:

“Wir haben einen Transporter benutzt. Das ist ein Gerät, das einen Menschen über viele Kilometer hinweg in Sekundenschnelle transportieren kann. Die Koordinaten waren der Strand und dort sollte ein Mann auftauchen, der einige Informationen für uns haben sollte und uns helfen könnte, weitere Einsätze gegen die Außerirdischen zu planen.”

“Nun”, meinte ich, “dann muss bei diesem Transport etwas schief gelaufen sein, denn ich bin nicht dieser Mann… Es tut mir leid.”

Wieder entbrach eine angeregte Diskussion unter den Anwesenden und immer wieder blickten sie mich mit fragenden Gesichtern an. Ich dachte über die ganze Situation nach und faste zusammen: Ich war durch einen Transportunfall mit diesem Mann, in dessen Körper ich gerade steckte, geistig ausgetauscht worden. Vermutlich steckte er gerade in meinem Körper und wunderte sich wie verrückt, wo er dort gelandet war. Doch ich konnte nicht einmal sagen, wo ich hergekommen war. Meine Erinnerung an meine wahre Realität war nicht mehr zugänglich. Jetzt hing ich hier fest und ich war im wahrsten Sinne des Wortes gestrandet…

“Was machen wir jetzt?”, fragte die Frau. “Wir sind am Arsch! Keine Infos, keinen Plan… Wir sind fertig.”

Doch in dem Augenblick durchströmte mich eine unglaubliche Gewissheit, die ich mir nicht erklären konnte und ich richtete meine Worte an die Leute um mich herum:

“Ich weiß, ich bin nicht der, den ihr erwartet hattet, aber es hat einen Grund, dass ich in eurer Welt aufgetaucht bin. Nennt es einen Zufall oder göttliche Fügung, wie auch immer, aber ich denke, dass ich euch vielleicht besser helfen kann, als der Mann, den ihr erwartet hattet.”

Manche schauten mich erstaunt an, andere wiederum lachten, weil sie mich jetzt für völlig verwirrt hielten. Immerhin war ich aus dem Nichts aufgetaucht, konnte mich an nichts erinnern und fing nun an, irgendwelche Reden zu schwingen.

“Lasst uns zurück zum Marktplatz gehen”, sagte ich, ohne wirklich zu wissen, warum ich das gesagt hatte.

Mit einer höchst zweifelnden Menge setzten wir unseren Weg zum Marktplatz fort. Kaum waren wir dort angekommen, tauchten auch schon wieder die ersten Droiden auf. Sie rasten auf uns zu und schossen, wie nicht anders zu erwarten war, ihre Strahlen auf uns ab. Ich vollführte in diesem Augenblick eine kreisende Bewegung mit meiner rechten Hand und um uns herum entstand ein Kraftfeld mit mehreren Metern Durchmesser. Jeder, der sich in meinem Kraftfeld befand, konnte von den Strahlen der Droiden nicht erfasst werden.

Sie schauten mich verblüfft an und einige von ihnen waren erfreut, zu sehen, dass es ein Mittel zu geben schien, dass die Strahlen der Droiden Widerstand leisten konnte. Nachdem die Droiden ratlos stehen blieben, um weitere Befehle zu empfangen, da sie offensichtlich mit der Situation nicht ad hoc umgehen konnten, setzte ich meine psychokinetischen Fähigkeiten ein. Ich richtete meine Hand in ihre Richtung, zog mehrere Droiden auf einmal in meine Richtung, nur um sie daraufhin mit einem gewaltigen, psychischen Stoß von mir fort zu schleudern. Sie flogen viele Meter weit durch die Luft und zerschellten an irgendwelchen Mauern eines Hauses.

Ich wurde mir dieser Realität immer bewusster. Zwar hatte ich keine Erinnerung mehr daran, woher ich gekommen war, aber mein Interesse war geweckt. Ich musste nun herausfinden, wo ich hier war und wie ich wieder zurückkommen konnte.

“Ich glaube, eure kleinen Partisanenkämpfe gegen die Droiden sind nicht sehr ergiebig”, erklärte ich. “Das Beste wird es sein, dass ihr mir nun ganz genau erklärt, was das hier für eine Realität ist, wo ich hier bin, welches Jahr ihr habt und mich dann mit eurem Anführer vertaut macht. Ich denke, mit ihm kann ich einen Plan entwerfen, wie wir das Problem endgültig beseitigen können und ihr wieder in Freiheit leben könnt!”

Kurz darauf erwachte ich in meinem Bett. Es war ein sehr langer Traum gewesen und ich habe viele Details weggelassen. Es gab noch viel mehr Gespräche und Erkundungen von meiner Seite, weil ich die ganze Zeit über daran interessiert gewesen war, in welcher Realität ich eigentlich gelandet war. Befand ich mich in einer alternativen Realität? In der Zukunft unserer Realität oder wo war ich nur gelandet?

Darüber hinaus habe ich diesen Traum wieder “Der anderen Seite” zugeordnet, weil es hier die ganze Zeit über um Kampf ging, nicht unbedingt um den gegen die Außerirdischen, sondern um Bewusstheit! Nachdem ich eingeschlafen und daraufhin in dieser Realität an diesem Strand aufgewacht war, litt ich an einer starken Amnesie. Ich konnte nicht sagen, woher ich kam und wohin ich woltle. Meine Erinnerung, dass ich gerade noch im Bett meditiert hatte, war spurlos verschwunden. Auch erhielt ich kein Update in der anderen Realität. Es war also ein höchst verwunderlicher aber nicht weniger interessanter Vorfall, der mir hier begegnet war. Ebenso auffällig ist wieder die Verarbeitung der Information meiner DNA-Programmierung hinsichtlich der Aktivierung meiner psychokinetischen Fähigkeiten. Offenbar beginnt sich diese Fähigkeit in den Träumen auszubreiten. Es wäre theoretisch möglich, dass die ständige kontrollierte Anwendung dieser Fähigkeit die Zellen zu durchströmen beginnt und sich darum in immer mehr Träumen zeigt. So, wie wir davon immer häufiger träumen konnten, nicht mehr zu kriechen, sondern zu laufen, – nachdem wir das Laufen gelernt hatten – und umgekehrt. Es könnte sich hierbei um eine durch das Träumen ausgelöste Programmierung und dessen Integration in alternativen Realitäten handeln, die sich wie ein Lauffeuer ausbreitet und irgendwann Früchte trägt. Ich bin gespannt, welche Ausmaße dies noch annehmen wird.

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