WGT 2012 – Wave-Gotik-Treffen

Auch in diesem Jahr ging es zu Pfingsten wieder nach Leipzig zum alljährlichen Treffen der Gotiker. Hierbei handelt es sich nicht um Kirchen-Architekten, die den Zeitsprung aus dem Mittelalter in die Jetzt-Zeit unversehrt überlebt haben, sondern um eine Ansammlung mehrerer neuzeitlicher “Randgruppen” wie Gothics, Medievals, Punks, Steampunks, New Waver, Victorians, Dark Romantics, Militaries, Cyberpunks, Bat Caves, Emos, Fetishs und viele andere. Für einen Fotografen ist es sowohl ein sehr interessantes als auch optisches Vergnügen, als Zaungast daran teilzunehmen.

Gleich zur Ankunft am Freitag kann davon ausgegangen werden, dass sich die Victorians im Clara-Zetkin-Park treffen, um ein wunderschönes Picknick abzuhalten. Bei Victorians handelt es sich um eine Gruppierung, die die Mode des französisch-viktorianischen Zeitalters aufgegriffen und mit einem gewissen Dark-Vampire-Style ergänzt haben. Man stelle sich hierzu einfach Johann Wolfgang Goethe und Königin Elisabeth in einem Vampirfilm vor, dann erhält man vielleicht eine gewisse Idee von diesem Kleidungsstil. Leichte Varianten findet man in einigen Filmen wie “Gothic”, “Dracula” (von Francis Ford Coppola) oder dergleichen. Wenn man einmal bedenkt, dass der erste Vampirfilm im Jahre 1909 auf der Kinoleinwand zu sehen war und es bis heute nahezu 700 unterschiedliche Vampirfilme produziert wurden, ist es einer der größten Mythen unserer Welt. Der Impuls, sich für parapsychologische, gruselige oder rund um das Thema Tod zu interessieren, hat mitunter den Mythos vom Vampir in die Welt gerufen, einem Wesen, das sich am Blut eines Menschen nährt. Im letzten Jahr ging ich in einem Artikel über das WGT 2011 näher darauf ein.

Als ich am Freitag zum viktorianischen Picknick ging, war ich erstaunt über die Menge der Teilnehmer. Nahezu 800-1000 Personen dürften es gewesen sein, die sich auf einer riesigen Wiese getroffen und ihre Picknickkörbe ausgepackt hatten. Gleich zu Anfang begegnet man einer hübschen Lady, keine 20 Jahre alt, die mit einem atemberaubenden Kleid und blitzenden Vampirzähnen an einem Tisch sitzt und Muffins und kleine Törtchen herstellt, um sie den Besuchern mit einem diabolischen Grinsen zu überreichen. Es verhält sich natürlich nicht so, dass die Kuchenteilchen  in irgendeiner Form mit Drogen versetzt oder gar vergiftet wären, nur solch ein Grinsen gehört eben zum Spiel dazu.

Während weiter rechts zwei kleine Kinder im aristokratischen Outfit mit Rüschenhemd, Justaucorps (Mozartjacke) und für die weibliche Brut natürlich mit französisch-viktorianisches Kleid in glänzendem Blau, Federball spielten, saßen die Eltern auf einer Decke, mit Picknickkörben, Tischchen, Silberbesteck, Kristallgläsern, Wein, Sekt, dem dazu gehörigem Personal – wobei unklar geblieben ist, ob letzteres für die Bedienung oder Verzehr gedacht war – und genossen den schönen, sonnigen Nachmittag am See.

WGT 2012 Steampunk VictoriansImmer mehr Decken und Picknickkörbe gerieten ins Blickfeld und legten über den Park einen irrealen, zeitversetzten Zauber vergangener Tage. Doch hielten sich hier nicht nur Victorians auf, sondern in diesem Jahr – im Gegensatz zum letzten – auch sehr viele Steampunks. Diese entspringen mehr der viktorianischen Zeit im englischen Stil der Jahrhundertwende. Wenn man ihnen begegnet, erhält man schnell den Eindruck, sie seien gerade mit einer Zeitmaschine angereist. Auf ihrem Rücken befinden sich seltsame Apparaturen, die über Oberarm, Gesicht oder Brust verlaufen können. Manchmal blinken diese Gerätschaften oder bewegen sich unvermittelt und alles ist in Braun und Gold gehalten. Altertümliche Pistolen, aufwändige Schaltpulte oder umständliche Technik sind hier anzutreffen. Man stelle sich hierzu einfach die “Borgs” aus Star Trek gemischt mit dem dem Monumental-Science-Fiction-Film “Dune – der Wüstenplanet” vor und man erhält einen guten Eindruck. Ob Steampunk oder Victorian, ich ließ mich vom Zauber dieses sonnigen Nachmittags gefangen nehmen und genoss, was sich meinem Auge bot. Eine märchenhafte Idee mit beeindruckender Eleganz.

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Die Victorians und Steampunks sind am stärksten auf diesem Picknick vertreten gewesen, während man anderenorts meistens auf Gothics trifft, denen auch das WGT gewidmet wurde. Sie sind sehr leicht erkennbar, so tragen sie mit Vorliebe Schwarz, färben sich die Haare ebenso, tragen Nietengürtel oder pechschwarze Kleider, Schuhe und Hosen. Die Farbe Schwarz ist nicht nur Programm, sondern Lebenseinstellung. Sie würden erst dann etwas anderes tragen, sobald eine Farbe erfunden würde, die dunkler als Schwarz ist.

Am Abend ging es zum Abschluss in den Auerbach-Keller, ein Restaurant, in dem bereits Goethe sein Unwesen trieb. Ein Schreibpult mit alter Feder und Tintenfass steht direkt am Eingang bereit – falls er überraschend wieder auftauchen sollte.

Der Samstag war ebenso warm und sonnig wie der Freitag und ich begab mich erst einmal in einen Hexen-Kräuterladen, den mir ein Bekannter empfohlen hatte. Er liegt ziemlich versteckt in einem alternativen Viertel Leipzigs. Dort kann man neben Alraune-Räucherstäbchen auch Kräuter aller Art ergattern und zum Räuchern, Tee trinken oder als Gewürz verwenden. Selbst Bücher von Timothy Leary und diverse Channeling-Werke sind nebst Knastertabak erhältlich. Ein kleiner Geheimtipp Leipzigs.

Danach ging es direkt zur Moritzbastei. Dort gibt es einen kleinen Mittelaltermarkt und der große Vorplatz dient gleichzeitig als Flanier-Promenade. Jeder, der sich dem Anlass entsprechend gekleidet hat, lässt sich dort blicken, um die Aufmerksamkeit der Besucher zu erhaschen. Dort kommt man nicht umhin, von allen möglichen Zaungästen angesprochen und auch fotografiert zu werden. Leute in ausgefallenen Kostümen, die manchmal vielleicht Assoziationen zum Karneval aufwerfen, sind ebenso anzutreffen wie solche in Lederkluft mit aufgesetzten Gasmasken. Hier kann man sich entspannen, Kontakte knüpfen, informieren und sich in den Cafès ausruhen.

Danach ging es dann in den Park hinter der Moritzbastei, in dem sich die Steampunks zu einem Picknick versammelten. Es waren vielleicht 50 Steampunks dort und ebenso viele Fotografen, da erstere immer eine spannende Attraktion darstellen, weil hier viel mit erfinderischer Kreativität und technischem Geschick die verrücktesten Apparate gebaut werden. Ein Steampunk trug einen riesigen Behälter auf dem Rücken, vielleicht Sauerstoffflaschen, aus denen an den Seiten zwei silber-metallische Arme herausragten, über die Schulter reichten und nach vorn wiesen. An einem der Arme befand sich ein Babykopf und am anderen eine krallenartige Roboterhand, welche sich auf Befehl bewegen konnten. Im Anschluss ging es zum Südfriedhof. Ein riesiger Friedhof, auf dem sich die hinterbliebenen älteren Damen und Herren gern mit einem Taxi zum Grabstein fahren lassen. Hier traf ich auf eine kleine Gruppe von viktorianischen Vampires aus Frankreich. Sie hatten gerade ein Fotoshooting hinter sich und entspannten nun bei einem Picknick auf den kalten Steinen der Synagoge.

Gleich zum Anschluss bewegte ich mich ein paar hundert Meter weiter zum Völkerschlacht-Denkmal. Ein gigantisches Bauwerk mit einer Höhe von 90 Metern, das an der Außenwand mehrere Ritter mit aufgestützten Schwertern hält, die sehr imposant und heroisch wirken. Ein durchweg imposantes Denkmal, das Eindruck hinterlässt. 500 Stufen führen hinauf ins Innere des Denkmals und noch heute werden darin Opern, Musicals und andere bekannte Veranstaltungen abgehalten, so war es einst ein Gebäude zum Gedenken um die große Völkerschlacht in Leipzig. Auch hier ging es mal wieder um Freiheit und Unabhängigkeit. Es ist immer wieder erstaunlich zu hören, dass man selbst heute noch dafür kämpfen muss. Leider war das Gebäude teilweise von Baugerüsten umzäunt und viele der beeindruckenden Figuren waren nicht zu sehen, wie beispielsweise die bestimmt zehn Meter hohe Figur des Erzengel Michaels, der das Eingangstor ziert.

Durch die Umbauten gab es jedenfalls nicht allzu viel zu sehen und während die Dunkelheit schon wieder eingebrochen war und mich der Hunger plagte, ging es wieder zurück in die City. Die kleine Reise nach Leipzig zum WGT war auch dieses Jahr eine aufregende Fahrt sowie wieder einmal ein optisches Vergnügen. An dieser Stelle auch einen ganz lieben Dank an all die Gotiker im Allgemeinen für ihre geduldige Bereitschaft, sich stets fotografieren zu lassen. Ich habe wundervolle Fotos schießen dürfen.

Nun, nach diesem aufregenden Wochenende lege ich heute erst einmal einen Sir-Arthur-Conan-Doyle-Tag ein. Erst folgt der Film “Zauber der Elfen” über die wahre Geschichte von zwei Mädchen, denen es gelungen ist, Elfen zu fotografieren und Sir Arthur Conan Doyle, in Begleitung des berühmten Zauberers Houdini, sie höchst persönlich besuchte, um ein Buch darüber zu schreiben. Gleich im Anschluss folgt dann das Finale des modernen Sherlock Holmes unserer Zeit in der spektakulären Auseinandersetzung mit Professor Moriatry auf ARD. Last but not least folgt am kommenden Wochenende noch der Workshop bei Tanis Helliwell, in dem es um Naturgeister geht. Irgendwie hängt doch alles immer miteinander zusammen…

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1 kommentiert zu “WGT 2012 – Wave-Gotik-Treffen

  1. Hi,
    Eine schöne persönliche Zusammenfassung des außergewöhnlichen Festivals. Nach dem Lesen deines Artikels ärgere ich mich nun, dass ich nichts von dem Steampunk-Picknick wusste. Wir waren nämlich auch mit der Kamera unterwegs, aber haben uns vor allem an das Viktorianische Picknick gehalten (ich verweise einfach mal auf unsere kleine Bildergalerie: http://www.fashion-und-lifestyle.de/wgt-2012-bilder-vom-viktorianischen-picknick-und-anderen-orten/ ).

    Nächstes Jahr werde ich explizit nach dem Steampunk-Treffen Ausschau halten – eigentlich nämlich unsere Lieblingsmotive :-) Und wo wir gerade beim Thema Bilder sind, hier noch der Hinweis auf die zahlreichen Fotostrecken unserer lokalen Zeitung – werden gerne mal übersehen, lohnen sich aber durchaus:
    http://www.lvz-online.de/gestaltete-specials/wave-gotik-treffen-2011/wgt-fotos/das-wgt-2012-in-bildern/r-wgt-fotos-a-138482.html

    Grüße und vielleicht bis nächstes Jahr

    Carsten

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