Traumnacht: Der Verstand und seine Tricks

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Als ich mal wieder viel zu spät ins Bett ging, weil ich noch Vorbereitungen für meinen Workshop getroffen habe, erlebte ich bereits nach zwei Minuten der Entspannung spontane Loslösungen meines rechten Beines. Es verschob sich plötzlich nach rechts, aus dem Bett heraus oder mal nach oben. Es ging so abrupt, dass ich sogar kurz aufschreckte. Das wunderte mich, weil ich normalerweise länger dafür benötige, um in diesen Zustand zu gelangen.

Irgendwann schlief mein Körper ein und die bleiernde Müdigkeit zog mich mit in die Bewusstlosigkeit. Am frühen Morgen, als es noch dunkel war, kam ich wieder zu mir. Dies nutzte ich sofort, um mich aus dem Körper zu projizieren, doch ich landete kurz darauf in einem Traum. In diesem wurde ich ziemlich schnell luzide.

Ich befand mich in einer mir fremden Wohnung, was oft ein Hinweis auf eine alternative Realität ist. Eine Freundin von mir konnte ich als ebenfalls anwesend erkennen und nahm mir vor, sie in ihrem Traum luzide werden zu lassen. Ich ging also zu ihr und versuchte ihr klar zu machen, dass sie träumte. Es dauerte schon ein Minütchen, bevor sie es tatsächlich glauben konnte, dass sich ihre Gegenwart in einem Traum Ausdruck verschaffte.

“Du träumst wirklich! Schau dich doch um…”, meinte ich zu ihr und lachte über ihre Zweifel.

“Wirklich? Ich kann es mir einfach nicht vorstellen! Alles sieht so echt aus.”

“Ich weiß, aber es ändert nichts daran. Du träumst!”

Irgendwann erkannte sie es dann und dann trat ein seltsames Phänomen auf. Die Traumrealität brach in sich zusammen! Das Zimmer verblasste und die Freundin konnte ich kaum noch wahrnehmen. Ich kam mir wie in einem Vampirfilm vor, in dem der Vampir dem Tageslicht ausgesetzt wird und er sich langsam auflöst.

Dann baute sich eine neue Traumszene auf. Wieder eine neue fremde Wohnung und die Freundin von vorhin stand wieder dort. Sie hatte durch den Wechsel völlig vergessen, dass wir uns in einem Traum befinden. Also ging ich zu ihr und fing wieder von vorn an: “Hey, merkst du was? Du träumst…!”

Natürlich kontne sie es wieder nicht glauben, da sie durch den Wechsel in eine neue Traumszene ihre eben erlangte Luzidität verloren hatte. Also wurde erneut kurz diskutiert, ob dem wirklich so sein könnte, solange, bis sie es endlich glaubte.

“Der Verstand ist so aufgebaut, dass er immer und unter allen Bedingungen mit wachsendem Enthusiasmus eine Rechtfertigung für Geschehnisse in der Gegenwart sucht”, erklärte ich ihr. “Auf dem Kopf könnte ein UFO landen und trotzdem würde er noch eine Erklärung finden, warum das so passiert ist. Auch die unterschiedlichen Traumrealitäten, in denen man hin- und herwechselt, verschleiern die Bewusstwerdung, dass es sich um einen Traum handelt. All das ist Tarnung.”

Kurz darauf brach die Realität erneut zusammen, nur um sich wenige Augenblicke abermals neu aufzubauen. Auch meine Luzidität litt darunter und es dauerte ein, zwei Minuten, bis ich sie zurückerlangte. Nachdem ich ihr wieder deutlich gemacht hatte, dass sie trämt, denn sie war natürlich auch anwesend, fuhr ich fort:

“Nichts anderes geschieht auch in unserem Alltag. Der Verstand sucht ununterbrochen nach einer plausiblen, rationalen Erklärung. Sobald etwas Sonderbares geschieht, ist er sogar engagierter als je zuvor. Dies ist der Grund, warum der Mensch in seinen Träumen nicht luzide werden kann, geschweige denn in seinem Alltag! Im Alltagsleben basiert sein Selbstvertrauen und seine Wahrnehmungsstabilität auf der Tatsache, dass der Verstand wie ein Wächter darüber wacht, dass sie nichts erschüttern kann.”

Ich muss nicht weiter erwähnen, dass sich die Realität erneut in seine Einzelteile zerlegte, aber dieses Mal beschloss ich, zurück in mein Schlafzimmer zu springen. Am anderen Morgen sprach ich mit der erwähnten Freundin, um zu erfahren, woran sie sich denn erinnern könne aus der vorigen Nacht. Sie lachte, als sie meinen Bericht hörte und meinte, dass sie sich den ganzen Abend darauf konzentriert hätte, dass ihr Guide (Traumlehrer) vorbeikommt und ihr dabei hilft, luzide zu werden.

Das war ein amüsanter Augenblick. Doch leider konnte sie sich an nichts erinnern – was im Hinblick auf die tatsächlichen, nächtlichen Geschehnisse, sehr deprimierend sein kann. Dreh- und Angelpunkt sind also zwei Faktoren in seiner Absicht, luzide träumen zu wollen:

1. Die Erinnerung

2. Die Fähigkeit zur Hinterfragung der Gegenwart (Kritikbewusstsein im Träumen)

In der heutigen Nacht war ich viele weitere Male luzid, aber die Erinnerungen an die einzelnen Träume sind sehr dürftig im Vergleich zu der Traummenge. Für mich ist es manchmal unfassbar, dass selbst nach Jahren des luziden Träumens Momente auftauchen können, in denen man sogar eine komplette Traumnacht vergessen kann.

Aus dem Grund ist die Erinnerungsfähigkeit genau so wichtig wie das Kritikbewusstsein im Träumen. Das Träumen läuft überwiegend über die rechte Gehirnhälfte ab und diese ist nicht unbedingt allzu kritikfähig. Dieser Job wird vielmehr der linken Gehirnhälfte zugedacht. Nun mag man an diesem Punkt einwenden, dass man im Alltag ein wesentlich besseres Kritikbewusstsein besäße, aber dieses ist leider ganz anders gelagert. Wir hinterfragen im Alltag nicht die Realität oder die allgemeingültige Gegenwart, sondern meistens nur andere Personen, wenn sie scheinbar etwas Widersprüchliches äußern oder auch Momente, wenn das Monatsgehalt nicht überwiesen wurde bzw. der Bus nicht kommt. Sobald etwas außerhalb der Routine in unser Leben tritt, springt der Verstand hervor und rechtfertigt es regelrecht zugrunde, sodass das Gefühl der Verwunderung nicht mehr vorhanden ist. Von daher erscheint es mir so, als wäre es die Aufgabe des Verstandes, das Gefühl der Verwunderung  möglichst zeitnah zu eliminieren. Aus keinem anderen Grund kann man an diesem Punkt also von Tarnung sprechen.

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