Die alte Dame: Sie ist gegangen…

Ich stehe vor dem alten Friedhof und schaue auf das alte, dunkle, gußeiserne Tor. Es führt zu sehr alten Gräbern, die schon mehrere Jahrhunderte dort stehen. Die Grabsteine sind Zeugen einer längst vergessenen Zeit in der es noch keine Autos und Telefone gab. Im Sommer ist stets der ganze Friedhof wild verwachsen und erinnert an diese schönen, alten, englischen Friedhöfe, wie ich sie unter anderem in London oft gesehen hatte.

Es ist heute ein kalter Tag. Minus 8 Grad. Ich drehe mich um und blicke auf das Haus einer alten Bekannten. Viele von Euch erinnern sich bestimmt noch an meinen Eintrag, in dem ich eine Bekannte von mir, eine alte Frau im Alter von knapp 90 Jahren, in meinem zweiten Körper besucht hatte und sie dabei vorfand, wie sie gerade die letzten Vorbereitungen traf, um die phyische Welt zu verlassen (siehe Eintrag vom 22.11.08).

Ich gehe auf ihr Haus zu. Auch hier finde ich ein altes Tor vor, das aber gerade weit offen stand. Vermutlich ist hier gerade jemand hineingegangen. Dann fällt mein Blick auf das Klingelschild. Ihr Name ist entfernt worden! Ganz frech betrete ich einfach das Grundstück und laufe den Weg zu ihrer Haustür. Auf dem Weg sehe ich schon, dass die Vorhänge vor den Fenstern ausgetauscht worden sind. Im oberen Bereich sind sogar sämtliche Gardinen abgehängt. Offensichtlich war mein Eindruck in meiner außerkörperlichen Erfahrung von vor 6 Wochen korrekt gewesen: Sie hat die physische Welt verlassen. Wie sie mir immer wieder erklärte, wollte sie keinen unnötigen Tag weiterleben, sobald sie ein Pflegefall würde. Sie hatte Wort gehalten. Ihre Worte kommen mir in dem Moment wieder ins Gedächtnis:

“Verstehen Sie, ich möchte in Würde sterben. Ich möchte es keinem zumuten, sich um mich kümmern zu müssen. Sobald ich nicht mehr laufen und allein zur Toilette kann, ist das Leben für mich gelaufen. Wieso soll ich anderen noch zur Last fallen? Von mir aus können sie mich auch einschläfern, das ist mir gleich. Deutschland ist viel zu steif, was das betrifft. Das muss doch jeder selber wissen, ob er noch weiterleben will oder nicht! Das ist doch mein Körper und mein Leben!”

Ich habe ihre Einstellung dazu gut verstehen können. Sie war irgendwie schon eine kleine Diva gewesen, nicht unbedingt schrullig, aber ziemlich verwöhnt und äußerst anspruchsvoll. Allein mit ihrer Ausstrahlung konnte sie dem ganzen Umfeld deutlich machen, dass sie eine Lady ist, die man mit Respekt und Wohlwollen behandeln sollte. Und kam man dem nicht nach, dann wurde sie schon fuchsig. Ich konnte mich selbst insofern in ihr wiederfinden, indem sie eine gewisse Konsequenz besaß. Eine Entscheidung, die sie traf, behielt sie ihr Leben lang. Sie war nicht eine der Frauen, die heute das sagten und morgen schon wieder etwas anderes oder die niemals ihr Wort hielt. Man konnte sich auf das verlassen, was sie sagte. Würde sie etwas versprechen, dann würde sie das auch mit absoluter Sicherheit einhalten. Das jedoch verlangte sie stets von den anderen Menschen ebenfalls und wer sich nicht daran hielt, den ließ sie wie eine heiße Kartoffel fallen. Einmal sagte sie zu mir:

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“Wenn ich den Eindruck habe, ich kann mich auf eine Freundin nicht verlassen oder wenn eine Freundin mir etwas verspricht und es dann nicht einhält, dann ist sie für mich gestorben. Da diskutiere ich dann nicht mehr.”

Das Klischee, dass alte Menschen gern von ihrer Vergangenheit erzählen, hat sich laut meiner Erfahrung immer wieder bestätigt. Auch in ihrem Fall berichtete sie mir gern aus ihrem vergangenen Leben, der Nachkriegszeit und dem Wiederaufbau Deutschlands. Dann erzählte sie mir von einer Freundin, die sie seit über 30 Jahren kannte und mit der sie sich immer wieder getroffen hatte. Anfangs war sie dazu auserkoren, ihre Erbschaft anzutreten mit der Bedingung, sich um alles zu kümmern, wenn sie einmal sterbe:

“Ich war kürzlich mit meiner Freundin in der Stadt einkaufen. Dort bin ich ein Geschäft gegangen, um mir einige Vasen anzuschauen. Doch dann entdeckte ich dort einen schönen, dreibeinigen Tisch, mit gebogenen Füßen und wunderschönen Goldverzierungen. Er sah ein wenig orientalisch aus, leicht arabisch mit Ornamenten. Ich hatte mich sofort in diesen Tisch verliebt. Dann fragte ich den Verkäufer, wie teuer der den kommen würde. Er meinte, dass dieser Tisch 1.890 Euro kosten würde. Das war schon ein wenig teuer, aber das wollte ich mir gönnen. Dann sagte ich dem Verkäufer, dass ich den gern kaufen würde. Plötzlich fragte meine Freundin, ob sich das denn noch für mich lohnen würde! Das war ja allerhand! Sie hatte jetzt schon Angst um das Geld, was sie mal von mir erben würde und es kann ja gut sein, dass ich morgen schon tot bin. Was soll sie dann mit so einem Tisch? Na, hören Sie mal, solche Kommentare, wissen Sie, sind doch wirklich deplatziert. Und so was nennt sich dann Freundin. Ich hatte auch schon in den letzten Jahren immer wieder bemerkt, dass sie dieses und jenes einfach voraussetzte oder von mir erwartete. Wenn ihr Geld fehlte, dann hat sie von mir erwartet, dass ich ihr das schenke. Oder wenn ich etwas verschenkte, dann war sie beleidigt, wenn ich es jemand anderem gab, aber auch, wenn ich sie nicht zu einem teuren Essen mitgenommen hatte, wurde sie stinkig. Wenn ich merke, dass man mich ausnutzt, dann kann ich das gar nicht haben. Also habe ich ihr jetzt einfach die Freundschaft gekündigt. Das war’s. Soll sie sich einen anderen Dummen suchen.”

Für mich war es eine Geschichte, wie man sie immer wieder mal hörte, aber auf der einen Seite fand ich, dass sie hier vielleicht ein klein wenig zu konsequent reagiert hatte, immerhin kannten sie sich schon seit über 30 Jahren, aber auf der anderen Seite bewunderte ich sie auch dafür, weil sie besaß eben Prinzipien. Und ein Mensch mit Prinzipien und Zuverlässigkeit war mir schon immer irgendwie sympathisch.

“Und wenn Sie mal jemanden treffen, bei dem sie gleich fühlen, dass die Person nicht auf ihrer Wellenlänge ist, dann seien Sie auch nicht freundlich zu dem. Nachher mag der sie dann noch und sie werden den nie wieder los! Die meisten Menschen sind übertrieben überzeugt von sich selbst und glauben, dass sie alle Welt mögen müssten, weil sie doch so toll sind, und wehe, wenn Sie zu denen nicht freundlich sind, dann unterstellen diese Ihnen alles Mögliche, nur um ihr eigenes, übertriebenes Selbstbildnis nicht ins Schwanken zu bringen. Langweilig! Lassen Sie sich auf solche Menschen erst gar nicht ein. Ist doch egal, was die von Ihnen denken, wenigstens Sie sind die dann los. Suchen Sie sich Ihre Freunde gut aus. Es gibt doch genug Menschen da draußen…”

Wie ich eingangs erwähnte, sie war eben keine einfache Frau. Entweder mochte man sie oder man ging gleich auf Abstand. Ich stolperte manchmal über ihre Ansichten und vor allem über ihre übertrieben rationale Einstellung, dass alles rein biologisch und alles Unfug ist, dass es in unserer Welt nur um Ansehen und Reichtum geht, aber ich mochte sie für ihren spontanen Humor, ihrer konsequenten Denkweise und für ihren Umgang mit der Welt um sie her. Sicherlich war sie eine Frau, mit der man sich auch schnell streiten konnte, wenn man nicht aufpasste oder für einen Moment unachtsam war und einen Satz so daherredete, aber man konnte sich zumindest auf sie verlassen. Das sicherlich von Männern erdachte Sprichwort “Ein Mann ein Wort, eine Frau ein Wörterbuch” hatte auf sie ganz bestimmt nicht gepasst. Sie hatte stets ihr Wort gehalten und auch dieses Mal, indem sie meinte, dass sie diese Welt verlassen will, sobald es nicht mehr lebenswert ist.

3 Kommentare zu “Die alte Dame: Sie ist gegangen…

  1. die beschriebene Dame erinnert mich irgendwie an Helmut Schmidt. Neulich habe ich eine ähnliche ältere Frau, fröhlich und vital, gesprochen, die trotz eines bei ihr diagnostizierten Lungenkrebses keine Bestrahlung etc. wollte, sondern sagte “dann sterbe ich eben.”

  2. Hallo Jonathan,

    ich stutze gerade: Handelt es sich hier um diese Dame vom Eintrag 2.09.07 (auf den ich eine Nachricht schrieb)?
    Dann ist das irre, dieser Zufall! Weil ich einfach so diesen Beitrag hier aus den vielen Möglichkeiten zu lesen gewählt habe – staun-

    Lieben Gruß
    Momo

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