Erinnerungen: Begegnung mit dem Autor Hans-Georg Noack

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‘Erinnerungen’ ist eine Rubrik, in der ich gelegentlich eine Anekdote aus meiner Vergangenheit erzähle. Dabei ist mir eigentlich nur wichtig, dass es einen denkwürdigen Moment, eine interessante Begegnung oder Begebenheit beinhaltet, die durchaus mystisch, verworren, amüsant, verrückt oder sonst etwas sein kann. Persönliche Angaben, Zeit und Orte werden nur bedingt angegeben.

So verfüge ich über einige Erinnerungen an unterschiedliche Begebenheiten aus meinem Leben – das sicherlich nicht verwunderlich ist, da dies höchstwahrscheinlich bei jedem der Fall ist, aber ich habe hier noch eine Erinnerung, die eine interessante Begegnung mit einem Schriftsteller betrifft. Ich war vielleicht gerade mal dreizehn Jahre alt und befand mich ganz allein an der Victoria Station in London. Dieser Bahnhof ist ein so genannter Sackgassenbahnhof und jeder, der irgendwo in England eine Stadt besuchen möchte, kommt an diesem Bahnhof nicht vorbei. Nur von dort aus fahren sämtliche Züge zu den anderen Städten. Meine Reise ging nach Brighton. Dies ist eine mittelgroße Stadt in Südengland an der See. Bisher war ich die ganze Strecke mit dem Zug gereist, in Ostende mit der Fähre nach Dover übergesetzt und von dort direkt zur Victoria Station.

Brighton ist eine gutbesuchte Küstenstadt mit interessanten Gebäuden und Häuservierteln, der aber nichts Besseres eingefallen ist, als die schönen Pierhäuser am unwegsamen mit Kieselsteinen gesäumten Strand mit diversen Spielhöllen zu bestücken, zu denen selbst Kinder Zutritt hatten. Dort spielte man, wenn man Langeweile besaß, diverse Videospiele, über dessen grafische Auflösung man heutzutage müde lächeln würde, lernte aber auf diese Weise auch andere im gleichen Alter kennen – zumindest meistens.

Untergekommen war ich bei einer englischen Gastfamilie. Eine alleinerziehende Mutter um die dreißig, die des Morgens allzu häufig mit Knutschflecken übersät am Frühstückstisch saß und mir englischen Tee, Cornflakes, Würstchen und Unmengen an Toast servierte. Sie besaß eine süße kleine Tochter, die mich jedes Mal, wenn ich das Haus verließ, fragte:

“Where are you going?”

Darauf antworte ich stets: “I’m going to the city to kill some little girls who always dare to ask me dumb questions!”

Daraufhin ist sie dann quietschend weggelaufen… aber wir wussten beide, dass es nur ein witziges Rollenspiel war – zumindest hoffte ich es.

In den drei Wochen, die ich dort untergekommen war, hatte die Kleine an einem Tag zufällig Geburtstag. Einen Tag zuvor kam sie natürlich zu mir, in freudiger Erwartung, um präventiv ein Geschenk abzustauben, und tönte:

“Tomorrow’s my b-day. What you gonna get me?”

Ich schüttelte langsam meinen Kopf und entgegnete:

“You won’t live that long… so…”

So rannte sie wieder einmal schreiend durch das Haus… aber ich habe sie trotzdem reich mit Schokolade beschenkt und sie durfte ihren Geburtstag sogar unbeschadet überstehen.

Die Stadt Brighton wird häufig von Touristen besucht. Eigentlich besitzt sie mehrere Saisons im Jahr, in denen bestimmte Gruppierungen in Erscheinung treten. Die eher ärmlichen Londoner verbringen dort meistens im Spätfrühling ihren Urlaub. Im Hochsommer kommen dann bevorzugt Künstler, um für einige Wochen die Stadt zu erkunden. Im Herbst hingegen tauchen die betuchten Londoner auf, sogar des Öfteren  Lords und Grafen, um schlichtweg gesehen zu werden oder in der Stadt zu flanieren. Hans-Georg Noack hingegen gehörte vielmehr zu den Künstlern und war zu diesem Zeitpunkt 51 Jahre alt, als er pünktlich in der Hochsaison erschien.

Da ich mich dort häufiger herumtrieb, denn an Tourismus war ich keinesfalls interessiert, sondern wollte mitten ins Leben Brightons eintauchen und möglichst als Tourist unerkannt bleiben, begrüßte ich seine Bekanntschaft. Natürlich wollte ich primär auch Spaß haben und es gab Tage, an denen langweilte ich mich schier zu Tode. Taschengeld hatte ich glücklicherweise reichlich mitbekommen. Zu dieser Zeit lag ein englisches Pfund bei ungefähr 4 DM und in meinem Alter erschien mir in England darum erstaunlicherweise alles so preiswert. Nichtsdestotrotz konnte ich mir Ausflüge in diverse Spielotheken ebenso leisten, wie den Gang ins Dolby-Surround-Kino, Imbisse wie die Wimpy-Kette (ähnlich McDonalds) aufzusuchen sowie der Verzehr von englischer Schokolade und Cola en masse. Als Jugendlicher lebt man eben gefährlich.

Eines Nachmittags spielte ich mit einem Freund an einem dieser Videospiele, als uns ein älterer Mann ansprach. Er spendierte uns sogleich einige Runden und wollte zuschauen. Normalerweise sollte man ziemlich auf der Hut sein, wenn ein älterer Mann so spontan Getränke und Spiele finanziert, aber ich hatte bei ihm nicht das Gefühl, dass er etwas im Schilde führte. Er stellte sich uns als Hans-Georg Noack vor und erklärte, dass er ein bekannter Autor sei. Ich war sofort an dieser Begegnung interessiert, denn ich hatte in meinem zarten Alter bereits eine Schreibmaschine, auf der ich manchmal Gedichte und gerade sogar an einem durchgeknallten schlechten Gruselroman schrieb, der in Freiburg spielte. Ich traute mich nicht, davon zu erzählen, erklärte jedoch, dass ich manchmal ebenfalls ein wenig schrieb und mir wünschte, in ferner Zukunft mal ein Schriftsteller zu werden. Zu dieser Zeit besaß ich weder nennenswerte Vorbilder noch eine klare Richtung, aber dennoch fühlte ich mich dem Schreiben sehr angetan.

Hans-Georg Noack war, was ich bis dato nur bedingt wusste, ein deutscher Kinder- und Jugendbuchautor und hatte u.a. den Bestseller “Rolltreppe abwärts” mit einer Verkaufszahl mit ca. zwei Millionen Büchern publiziert. Es galt als das Jugendbuch der 70er Jahre. Es war zwar vor meiner Zeit, aber ich erinnerte mich sogar noch an sein schriftstellerisches Werk, da wir es in der Schule einmal lesen durften. Aus dem Grund war dies für mich ein erstaunlicher Zufall, ihm auf meinem langen Brighton-Aufenthalt dermaßen unverhofft zu begegnen. Bereits zu dieser Zeit waren mir einige Gesetze des Universums zumindest theoretisch geläufig und ich wusste, dass es keine Zufälle gab. Somit freute ich mich sehr, ihn persönlich kennenzulernen; auch wenn mir sein Buch im Mantel der Pflichtlektüre nicht unbedingt gefallen hatte.

Hans-Georg wirkte auf mich sehr ruhig, gelassen, freundlich, sympathisch und neugierig. Er wollte mit mir ein persönliches Gespräch führen, zu dem er mich daraufhin in ein feines, englisches Restaurant einlud. Wie er mir erklärte, ging er sehr gerne in derlei Restaurants. Das Etablissement, zu dem er sich derzeit entscheiden hatte, besaß mehrere gutgekleidete Kellner und das Essen war sogleich ein 4-Gänge-Menu. Als einer der Kellner versehentlich eine Gabel fallen ließ, schaute dieser verstohlen zu allen Seiten und hob sie schnell wieder auf. Hans-Georg erklärte mir, wenn das der Chef gesehen hätte, wäre der Kellner augenblicklich gekündigt worden. Ich weiß nicht mehr, was wir gegessen hatten, aber das Dessert war eine tiefgefrorene, geköpfte Orange. Mir hatte dies sehr geschmeckt.

Dann erzählte er mir ein wenig aus seinem Leben, auch wenn ich zugeben muss, dass ich mir nicht alles gemerkt hatte. Jedenfalls erschien sein erstes Buch bereits in den 50er Jahren, wurde sehr für sein Buch mit der abwärtsführenden Rolltreppe ausgezeichnet und hatte ebenso als Verleger und Übersetzer gearbeitet. Sein Interesse war es, mich über mein Leben und meine Freunde zu befragen. Auf diese Weise sammelte er Recherchematerial für neue Buchprojekte. Fest geplant, so weit ich mich erinnere, hatte er nichts zu der Zeit und er erwähnte auch, dass er nicht wisse, ob er noch ein Jugendbuch schreibe, doch könne es nicht schaden, stets genügend Material und Inspiration zu besitzen. Wir unterhielten uns mehrere Stunden lang und danach verabschiedeten wir uns und wünschten uns ein schönes Leben.

Man muss bedenken, Brighton ist keine kleine Stadt und besaß zu der Zeit 150.000 Einwohner. Die Innenstadt war in der Hochsaison von Touristen nur so überfüllt und es herrschte viel Trubel. Ich lernte in diesem Trubel eine Frau kennen, die sich Mani nannte, und diese fand Gefallen daran, mit mir anzubändeln. Wir unterhielten und küssten uns, bis sie sich von mir verabschiedete und mich um fünf englische Pfund anpumpte. Sie wollte mir am nächsten Tag, wir wollten uns an der Flower Clock wiedertreffen, das Geld zurückgeben und gleichzeitig einen weiteren netten Abend verbringen.

Am nächsten Tag wartete ich brav auf sie in dem Park mit der Uhr, die aus Blumen gemacht worden war, aber sie erschien nicht. Anstattdessen hielt plötzlich ein Auto neben mir. Darin saß Hans-Georg Noack mit einem Jungen und zwei Mädels in meinem Alter. Ich wunderte mich über diesen erstaunlichen zweiten Zufall.

“Hallo Jonathan! Was machst du denn hier?, fragte er mich.

“Ich warte auf eine Freundin. Sie hatte versprochen, zu kommen.”

“Meinst du denn, sie kommt noch? Du kannst auch gern mit uns fahren.”

“Was habt ihr denn geplant?”, fragte ich.

“Wir fahren zu mir ins Hotel und wollen dort Musik hören, was trinken, quatschen… Ich wohne in einem schicken Hotel mit einem luxuriösen Zimmer.”

“Ich werde noch ein wenig warten. Vielleicht kommt sie ja doch noch.”

Dann erklärte er mir, in welchem Hotel er untergekommen war und meinte, ich könne ja später nachkommen.

Wie vorauszusehen, erschien Mani nicht mehr und ich hatte vergeblich gewartet. Scheinbar hatte sie es nicht geschafft, die fünf Pfund aufzutreiben und es war ihr peinlich gewesen, ohne das Geld aufzutauchen. Doch um die paar Pfund war es mir wirklich nicht gegangen. Ich hatte sogar zu ihr gesagt, dass ich ihr das Geld schenke, aber sie wollte es mir unbedingt wiedergeben. So wartete ich noch eine Weile, bis ich keine Lust mehr hatte und ging. Zu der Zeit gab es eben noch keine Handys und man war bestenfalls auf Telefonzellen angewiesen. Man konnte nicht eben mal anrufen und in die digitale Muschel rufen: Wo bleibst du denn??

So nahm ich den nächsten Bus und fuhr ins Hotel, in welchem Hans-Georg zur Zeit lebte. Als ich dort ankam, fand ich die die vier in einer angeregten Diskussion über Schule, Eltern, Lehrer, Alltagsprobleme, Drogen und andere Themen dieser Art. Philosophisch ging es hier nicht zu, das erkannte ich gleich, aber es stand neben Chips und Schokolade auch Cola, Wein, Bier und andere Getränke auf dem Tisch. Der Tag war gerettet!

Der Typ und die beiden Mädels waren schon fünfzehn bzw. sechzehn Jahre alt. Glücklicherweise wirkte ich für mein Alter reifer und nicht so jung, wie ich aussah. Geplant war, den ganzen Nachmittag im Hotel herumzuhängen, sich die Bäuche vollzuschlagen und am Abend in eine nahegelegene bekannte Diskothek für Jugendliche zu gehen. Zwar würde abends Hans-Georg nicht dabei sein, aber bis dahin konnten wir frei auf seine Kosten leben. Er war sehr spendabel und umsorgte uns gern. Ich vermutete, dass ihm die Gegenwart von solch jungen Menschen etwas Jugend zurückgab, die er auf seinem Weg durch den Alltag verloren hatte. Dabei erzählte er uns von seinen Abenteuern, die er auf diesem Weg erfahren konnte, aber nur stichpunktartig, denn er war primär daran interessiert, uns kennenzulernen.

Während der Typ mit einem der Mädels auf der Couch herumknutschte, ich Händchen mit der anderen hielt, quatschten wir mit Hans-Georg, bis der Abend anbrach und es dunkel wurde.

Es war eine schöne Begegnung mit Hans-Georg Noack gewesen und wir hatten es versäumt, Telefonnummern auszutauschen – vielleicht hatte er sie mir auch gegeben und ich schlichtweg verbummelt. Unsere Wege kreuzten sich nicht mehr und ich weiß nicht, ob er jemals über diese Begegnung geschrieben hatte, aber ich glaube es eher nicht. Es war zwar eine interessante Zeit mit ihm gewesen, aber ich denke, wenn er so viele Jugendliche ansprach, gab es sicherlich Spannenderes zu berichten.

Hans-Georg Noack verstarb mit 79 Jahren am 15. November 2005 in Würzburg an seiner langjährigen Krankheit. Ich hoffe, er findet im Jenseits weiterhin seine Inspirationen und weiß noch immer, gut zu dinieren und Hotelpartys zu feiern…

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Foto: Buchmarkt.de

 

3 Kommentare zu “Erinnerungen: Begegnung mit dem Autor Hans-Georg Noack

  1. Hallo Jonathan!
    Rührendes Jugend-Erlebnis dass Dich geprägt hat und auch bei mir ähnliches wachrüttelt. Dankeschön! LG

  2. Hallo Jonathan,

    Also ich bin jetzt seit 2006 hier und war erst einmal in Brighton, das muß in 2012 gewesen sein. Da bin ich mal einen Samstagnachmittag runter gefahren.
    Ich bin etwas enttäuscht von dieser Stadt, sie kann mit keinem der deutschen Seebäder mithalten, finde ich.
    Erst einmal war es schwierig einen preiswerten Parkplatz zu finden, von kostenlos will ich gar nicht sprechen.
    Dann war es da sehr voll. Ich mag es eigentlich am Strand zu sein, aber in der Nähe der Vergnügungspier gibt es nur langweiligen Strand. Die Vergügnungspier ist auch wohl typisch Englisch. Buden, alles ist laut und hektisch. Und dafür war ich 2h unterwegs.
    Sehenswert ist ein bißchen der Garten des Prinzregenten Sommersitzes, der aussieht, wie eine Moschee, na ja fast. Auch soll ja Brighton heutzutage ein Hochburg für die Leutchen sein, die sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen, was mir allerdings nicht wirklich aufgefallen ist.
    Also noch einmal Brighton muß ich mir erst mal nicht mehr geben.
    Voriges Jahr war ich nach langer Zeit mal wieder auf Verwandtenbesuch in Schleswig Holstein auf Nordstrand. Die Athmosphäre dort ist doch ein bißchen anders und passt besser zu mir. Ich brauch den ganzen Spielhöllen, sorry Spielhallenkram am Strand nicht.

    Die Victoria-Station kenne ich auch, war vor 4 Wochen das letzte Mal da. Dort kommt man heutzutage an, wenn man über Gatwick nach England kommt und mit dem Gatwick Express nach London reinkommen möchte. Sie ist aber nur eine von mehreren Kopfbahnhöfen, gibt noch Euston und King’s Cross, was für Harry Potter Fans wichtig ist. Von dort startet der Hogwards-Express, wenn man denn das richtige Gleis findet…

  3. Hallo Karsten,
    danke für Deinen Kommentar.
    Ich war auch nur einmal in Brighton als Jugendlicher. Danach bin ich immer wieder nach London des Öfteren gereist, weil mir die Stadt viel besser gefiel.
    Liebe Grüße, Jonathan

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