Gastbeitrag: Das letzte Ma(h)l (Prosa von Nina Berger)

Es ist schwer in Worte zu fassen, was ich erlitt, als ich dich, mein Kind, verlor. Eines nachts zu einem Zeitpunkt, an dem die Grenzen zwischen Wachen und Schlaf schwinden und die Welten zu schmelzen beginnen, glaubte ich mich inmitten eines sonderbar intensiven erotischen Traumes. Voller Leidenschaft gab ich mich einem fremdartigen Wesen hin, welches über mich gekommen und wie ein Inkubus in mich eingedrungen war. Im Traume hatte die nächtliche Ekstase mir, als Weib, so munkelt man, von Natur aus voll kalter und feuchter Säfte und schlüpfrig allen Arten von Exzessen zugeneigt, nach einem tristen und einsamen Tagewerk auf den Feldern nicht nur Trost gebracht, sondern auch meinen Schoß befruchtet, und dann, irgendwann wieder Herrin meiner Sinne, wurde mir gewahr, dass dies kein Traum gewesen sein konnte…

…denn alsbald begann der lunare Zyklus in mir zu schweigen, bis mein Leib innerhalb kürzester Zeit mehr und mehr an Umfang und Fülle zunahm und ich mich gezwungen sah, das eigentümliche Ergebnis dieser nächtlichen Vereinigung in Form eines Nachfahren zweier Spezies in einem uterinen Rausch zur Welt zu bringen. Der Zeugungsvorgang hatte schon längst seinen einstigen Reiz verloren, die Erinnerung daran, den Zauber des Augenblicks gegen ein gelegentliches, aber hartnäckig wiederkehrendes saures Aufstoßen eingetauscht, doch sogleich, nach der schnellen Geburt, verband uns eine zarte Liebe. Nur dauerte es nicht lange, da ließ mein untrügliches Gespür verlauten, dass ich, vor nicht allzu langer Zeit von fernen Sternendämonen benutzt, als Schoß des Universums nun nicht unser gemeinsames, sondern ausschließlich IHR Kind geboren und es im mystischen Lichte der Morgendämmerung allein zu ihren Gunsten aus meinem schwitzenden Leib gepresst hatte.

Mich im Traume glaubend war ich betört und dazu verführt worden, als Wirt zu dienen, in dem der fremdartige kosmische Samen zur Brut reifen möge, die zu gegebener Zeit jedoch von ihrem Schöpfungskollektiv zurückgefordert werden würde. Immer wieder suchten mich im Schlafe Visionen der Trauer heim, und so beschloss ich, mich auf den unausweichlichen Abschied so gut wie möglich vorzubereiten, indem ich meine Arbeit vernachlässigte, um dich im Arme halten und Liebe schenken wie auch empfangen zu können. Tag und Nacht lagen wir nun dicht beieinander, und ich sang dir alte Weisen, während sich mein Antlitz in deinen großen Pupillen spiegelte und es mir schien, als erhielte ich Einblick in die geheimen Mysterien ferner Galaxien. Jederzeit konnte es nun soweit sein, und eines späten Herbstages zersprang unvermittelt und mit großem Getöse die Verglasung der Fenster in Tausend Teile, die ich sogleich wegkehrte. Im bleichen Licht des Mondes glitzerten die Scherben wie Kristall, und ich wusste: Sie würden kommen, noch heute würden sie kommen, dich mir wegnehmen und mich allein zurücklassen ohne jegliche Hoffnung auf ein Wiedersehen. Ich hatte mit dir auf einem Schemel in der Ecke des Hauses vor den kaputten Fenstern Platz genommen, und meine kleine Welt, die durch dich ein bisschen größer geworden war, stand Kopf. Ich saß da und hatte Raum und Zeit vergessen, da erklang aus der Uhr des nachts um Drei das unheilvolle Geläut zur saturnischen Stunde, in der die Schatten jedes Grün verdunkeln. Melancholie geronn mir in den Adern, und lautlos weinend saß ich da, den starren Blick auf die zwielichten Felder gerichtet, und voll trauriger Gedanken an ein Rehkitz im Schutze seiner Mutter summte ich uns eine leise Melodie. Auch draußen war es nun bedrohlich still geworden. Nur ein galaktisches Knistern in der Luft verkündete: Weit konnten sie nicht mehr sein. Und ungewohnt begierig, als hegtest auch du gewisse Ahnungen, hingst du mir an den Brüsten und saugtest beide hastig leer. Und da, ein Knarren im Gebälk…, von Ferne kamen sie und näherten sich stetig, um dich zu holen; um uns herum Geraune und Gemurmel und heißer Atem. Ihre düstere Gegenwart ließ mir das Herze bluten, und Blut quoll mir nun auch aus den Brüsten und benetzten deine Lippen. Blut, so hatte ich einst gelesen, gelte als ein Schlüssel, der das menschliche Bewusstsein für die Erfahrungen alternativer Dimensionen der Realität öffne. Doch warst du, wenn auch kein vollkommener Mensch, immerhin aber ein vollkommener Abkömmling auch meines Fleisches und ausgestattet mit dem Potential von allem, was wichtig ist. Uns noch in letzter Sekunde zu töten, vermochte ich nicht, und so nährte ich dich, drückte dich an mein warmes Herz und hielt dich solange fest, wie ich nur konnte, bis sie dich mit ihren kalten Strahlen erfassten und hoch in ihre Sphären zogen…

© Nina Berger

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